Ausstellungsvorbereitungen | 22. September 2015

Wenn sich die Gestaltung entscheidet

von Werner Hanak-Lettner
© JMW

Der wohl aufregendste Moment für mich als Kurator in der Vorbereitungszeit einer Ausstellung ist jener, wenn der Ausstellungsgestalter bzw. die Ausstellungsgestalterin die ersten Raumentwürfe präsentiert. Neulich zeigte uns Stefan Fuhrer seine Ideen zu unserem Konzept für die Ausstellung „Die Universität. Eine Kampfzone“. Er entschied sich dafür, dass von uns in den Mittelpunkt gerückte Thema Inklusion und Exklusion von Jüdinnen und Juden an den Wiener Universitäten aufzugreifen.
 

Warum es uns begeistert hat?

 
Es gelingt Stefan Fuhrer mit einfachen Mitteln – in diesem Fall hat er zu ungeschliffenen Dachlatten aus Holz gegriffen – sowohl Barrieren als auch Durchlässigkeiten im universitären System räumlich begreifbar zu machen. Im Abschnitt zum ausgehenden Mittelalter und der Frühen Neuzeit strukturieren die Holzlatten die Wände horizontal. Wissen und Erkenntnisse können, so die räumliche Botschaft, schriftlich oder mündlich zwischen den stark getrennten jüdischen und christlichen Lebens- und Wissenswelten durchgereicht werden. Die Wissensträger selbst, insbesondere die in dieser ungleichen Gesellschaft unterprivilegierten Juden, müssen jedoch in ihrer Welt bleiben oder vollkommen in die andere wechseln.
 



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© Stefan Fuhrer
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© Stefan Fuhrer

Im darauffolgenden Raum, der vom Toleranzpatent, der Revolution und tatsächlicher Aufnahme jüdischer Wissenschaftler auf die Universität Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erzählt, drehen sich die Latten in die Vertikale, werden zu angedeuteten Durchgangsmöglichkeiten und sogar Türen, die nun passiert werden können.

Doch das optimistische 19. Jahrhundert ist für die Wiener Juden auf der Universität nur von kurzer Dauer: Stefan Fuhrer lässt daher im nächsten Raum vertikal und horizontal geschichtete Latten zusammenstoßen, die sich gegenseitig verschieben. So geben sie der Kampfzone, die mit dem erstarkenden Antisemitismus an der Universität ab den 1880er-Jahren entsteht, einen verzerrten, chaotischen und unsicheren Rahmen.
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© Stefan Fuhrer