Nachruf | 19. April 2022

Hermann Nitsch (1938-2022)

von Danielle Spera
© Danielle Spera
Das Jüdische Museum Wien trauert um Hermann Nitsch (1938-2022). Nicht nur hat der große österreichische Künstler hier im Jüdischen Museum Wien sein beeindruckendes Werk Levitikus präsentiert, das er mit den israelischen Publizistenpaar Har El herausgebracht hat, er war auch ein wesentlicher Unterstützer meiner Arbeit im Jüdischen Museum Wien. Mit Hermann Nitsch verliert Österreich, aber auch die internationale Kulturlandschaft einen wichtigen und herausragenden Künstler. Sein Leben und seine Arbeit waren untrennbar miteinander verbunden. Im Zentrum seiner Arbeit stand etwas zutiefst Menschliches: das unmittelbare und sinnliche Erleben von realen Geschehnissen, in seinem Fall im Zuge seiner Aktionen, die die verschiedensten Bereiche miteinander verbanden: Musik, Gerüche, Fotografie, Malerei, Zeichnung und Druckgrafik zu einem Gesamterlebnis verschmelzen, das mit allen Sinnen erfahren werden soll. Seine Kunst erweckte durch ihre Radikalität viele Emotionen und sorgte immer wieder auch für Schmähungen und Proteste. Das offizielle Österreich würdigte ihn erst spät. Hier ist vor allem das Land Niederösterreich zu erwähnen, wo er - wie übrigens auch in Neapel - ein eigenes Museum erhielt.
Auch wenn Nitschs Kunst viele Grenzen überschritt, war er als Mensch von tiefstem Humanismus und Weisheit geprägt. Sein radikales Werk wurde Vorbild für Generationen von Künstlerinnen und Künstlern. Nitsch war eine Persönlichkeit mit einem umfangreichen Wissen weit über die Kunstgeschichte hinaus: eine Kapazität in seiner Kenntnis der Philosophie, Geisteswissenschaften, Religion: Er war - was wir im Judentum einen Chacham, einen Gelehrten nennen - vor allem seine tiefen Einblicke in die jüdische Religion und in das jüdische Leben haben mich in unseren Gesprächen immer wieder beeindruckt.
Mit Hermann Nitsch und seiner Frau Rita verbindet mich eine lange und sehr innige Freundschaft, die auch dazu geführt hat, dass wir gemeinsam seine Biographie erarbeitet haben, eine für uns beide spannende Zeit. Dass seine letzten Lebensmonate von seinem starken persönlichen Ringen um sein Leben gekennzeichnet waren, ist eine Fortsetzung seines Strebens danach, das Leben dankbar in all seinen Facetten und seiner ganzen Fülle anzunehmen. Eine zutiefst jüdische Verpflichtung. Nitsch Familie war zusammengesetzt aus den verschiedensten Prägungen Österreichs, darunter gab es auch jüdische Vorfahren.
 
Ich hatte das große Privileg, Nitsch als junge Studentin kennenzulernen und mich seitdem mit seinem Werk intensiv auseinandergesetzt. Durch seine Ehe mit Rita, die ich meine beste Freundin nennen darf, hat sich unsere Beziehung vertieft, wir haben viel Zeit miteinander verbracht und letztendlich drei Bücher über sein Leben und seine Arbeit verfasst, die einen tiefen Einblick in die Hintergründe seines Schaffens bieten. Im Zuge unserer vielen Gespräche zu seiner Biographie haben wir auch über das Sterben gesprochen. Daraus möchte ich folgende Sätze zitieren:
Nitsch: „Ich sage, was alt ist muss sterben, um durch etwas Neues abgelöst zu werden. Das ist vielleicht meine Art von Nostalgie, wenn ich meine, dass das Neue auch wiederum alt werden muss. Ein Nachbar meiner Mutter hat sich das Lied vom Wirtshaus zum Silbernen Kandl zu seinem Begräbnis gewünscht. Da sind Tränen geflossen. Ich wünsche mir für mein Begräbnis den Schlusssatz der 7. Sinfonie von Beethoven. Das ist ein Triumph des Lebens, eine Zeremonie des Dionysos. Richard Wagner hat von einer „Apotheose des Tanzes“ gesprochen. Für mich symbolisiert dieser Schlusssatz das überschäumende Leben. Das würde ich mir wünschen. Dieser Satz dauert auch nur zehn Minuten, so dass sich meine Trauergemeinde nicht verkühlen kann.“
Spera: „Jetzt sprechen wir noch vom Sterben“.
Nitsch: „Ich wollte einmal einen Roman schreiben, stattdessen ist mein Orgien Mysterien Theater entstanden. Den Roman wollte ich mit `Tot´ als erstem und letztem Wort einfassen. Aber Tod nicht als das Furchtbare, sondern als eine Verwandlung, Vollendung oder sogar Ziel, weil aus dem Tod das Leben kommt, darum beginnt es mit Tod, und das Leben fließt dann in den Tod zurück.“
Spera: „Dann fürchtest du dich also doch nicht davor.“
Nitsch: „Oh ja, ich fürchte mich davor, deshalb getraue ich mich, so zu reden. Aber ich glaube an das ewig wiederkehrende Leben. Ich glaube an einen unendlichen Kosmos, vielleicht sogar an eine Vielzahl von Kosmen, an ein Weltall, das wir in seiner großartigen Strukturierung nicht annähernd durchschauen können.“
Spera: „Das gibt wieder Hoffnung“.
Nitsch: „Man spricht immer vom Leben nach dem Tod, aber man spricht sehr selten von dem, was vor dem persönlichen Leben war. Wende ich mich zurück, sehe ich, dass Leben vor mir war. Diese Betrachtung suggeriert mir, dass es nur Leben gibt. Das ist mein großer Glaube, der Glaube an den ewigen Vollzug der Schöpfung, an das ewige Werden, an die Unaufhörlichkeit.“
 
Im Judentum gilt es als Pflicht jedes Menschen, all seine Talente und Begabungen, die er auf den Weg mitbekommen hat, auf das allerbeste zu nutzen. Hermann Nitsch war ein Künstler mit so vielen verschiedenen Talenten wie wenige andere. Diese Talente hat er auf das bestmögliche genützt - nicht nur für sich, sondern auch für uns alle, die wir von seiner Kunst inspiriert und begeistert worden sind. Ich möchte ihm von Herzen für all das, was er mir auf meinen Lebensweg mitgegeben hat, danken. Für die die vielen klugen Ratschläge, sein Wissen, seine Kunst, aber vor allem für seinen Humor. All das wird mir unendlich fehlen.

“Es gibt einen wunderbaren Ausspruch von Wittgenstein. Er sagt: `Nicht wie die Welt ist, ist das Entscheidende und Mystische. Das Mystische ist, dass sie ist.´ Ich bin durch meinen Beruf viel gereist, habe viele Bereiche der Welt gesehen, die mich fasziniert haben. Ich bin überall zu Hause. Es ist wichtig, dass es die Welt gibt, in ihrer Unendlichkeit, um uns alle Galaxien, verschiedenste Kosmen, die in der Unendlichkeit aneinandergereiht sind. In diesem Sinn sehe ich es mit einer gewissen Skepsis, wenn alle Leute ständig herumreisen. Man soll doch bleiben, wo es herrlich ist. Im Waldviertel, oder auch in Amerika. Am schönsten ist für mich im Sein zu sein und das Sein innig und tief zu erfahren.“ (aus: Hermann Nitsch: Leben und Arbeit, Wien 2018)