Nachruf | 28. Oktober 2020

Dora Schimanko 1932-2020

von Danielle Spera
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Das Jüdische Museum Wien trauert um Dora Schimanko. Dora wurde 1932 als Urenkelin des Kaufmanns und kaiserlichen Ratsherren Max Schiff und Nichte von Karl Popper geboren. Die Familie Schiff war für ihr soziales und kulturelles Engagements bekannt, bei der Gründung von Schulen, vor allem auch der Bildung für Mädchen, beim Aufbau von öffentlichen Ausspeisungen, aber auch in der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Dora Schiffs Mutter war Geigerin und veranstaltete Hauskonzerte.
 
Mit dem „Anschluss“ 1938 zerbrach die Welt der Familie Schiff. Dora gelangte mit einem Kindertransport nach England. Sie war sechs Jahre alt. In einem Gespräch erzählte sie mir Folgendes: „Ich habe ein großes Glück gehabt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kindern war der Großteil meiner Familie schon dort. Allen voran mein heißgeliebter Großvater, der praktisch am Tag des Einmarschs aus Wien weggefahren ist. Also war ich absolut kein typisches Kindertransportkind. In England lebte ich erst bei der eigenen Familie, die Eltern kamen einen Monat später nach. Zuerst bei meinem Onkel, der schon lange in England lebte und dann mit meiner Familie zusammen in London. Und dann hat der Krieg begonnen, Bombardement in London, meine Eltern haben mich in ein Dorf geschickt, ich würde sagen fast Ende nirgends und ich kam zu einer alten Dame, die als Erzieherin in adligen Haushalten gearbeitet hatte. Mir tun heute noch die adligen Kinder leid. Da lernte ich zwei Sachen zugleich kennen: Das erste war die Religion, anglikanisch natürlich, man musste sich taufen lassen sonst war man dort unmöglich gewesen. Und das zweite gleich zusammen mit der Religion, Schläge mit den Rohrstäbchen. War in England gang und gebe, sowohl in der Schule als auch zuhause. Das habe ich als Tochter einer sehr assimilierten jüdischen Familie natürlich überhaupt nicht gekannt. Also, dass man Kinder schlägt wäre undenkbar gewesen bei uns. Also ich muss gestehen, das hat mich von Gottes glauben ziemlich kuriert. Später bin ich nach Oxford gekommen, zu einer englischen Familie, die mich sofort nach Ankunft als drittes Kind integriert hat. Das war die glücklichste Zeit überhaupt. Mir ist es in England insgesamt sehr gut gegangen.“
 
Dora Schiff konnte erst 1946 nach Wien zurückkehren. Darüber berichtete sie: „Das war sehr schwierig. Ich hatte in England sehr gut Deutsch gelernt, aber ich verstand von den Wiener keinen Ton. Warum? Weil in Wien zur Zeit der deutschen Besatzung, die Wiener ihren Dialekt, wie alle Minderheiten, übertrieben haben. Außerdem bin ich ja auf der anderen Seite des Kriegs gewesen. Die Wiener sagten: wir haben den Krieg verloren, ich hatte ihn aber nicht verloren. Das Schlimmste war, dass meine Altersgenossen alle unter Hitler in der Schule waren und dementsprechend eingestellt waren. Ein Schulkollege sagte mir ‚Wenn man einem Juden die Hand gibt das spürt man‘. Ich sag ‚Gib mir die Hand, spürst was?‘. Na der alte widerschmäht ‚das lässt mich kalt.‘ ‚Na‘ sag ich, ‚das nicht, aber das ist der beste Beweis, dass das eine reine Lüge ist, weil ich bin 100 Prozent jüdischer Herkunft.‘ Naja dann hat er nicht mehr viel geredet, aber ich glaube er hat doch ein bisschen nachgedacht. Aber die meisten haben es nicht. Als Heimkehrer hatten wir nichts. Die enteignete Wohnung bekamen wir nicht zurück. Wir waren obdachlos. Hilfe Null.“ Dora wurde Gärtnerin und engagierte sich in der Freien Österreichischen Jugend, die sich aus Kommunisten, Sozialisten und Katholiken zusammensetzte, und später in der KPÖ.
 
In ihrem Buch Warum so und nicht anders beschrieb sie die Geschichte der Familie Schiff. Ein Buch, das ich unbedingt empfehle. Dora Schimanko war viele Jahre als Zeitzeugin unterwegs, so habe ich sie 2012 kennengelernt, als wir im Jüdischen Museum einen Film über die Kindertransporte zeigten. Seitdem fanden einige wunderbare Begegnungen statt, in der ich Dora als kluge, am Weltgeschehen äußerst interessierte und gleichzeitig einfühlsame Gesprächspartnerin kennenlernen durfte. Besonders beeindruckend war ihr Auftritt bei der großen Gedenkmatinee zum Novemberpogrom 2018 im Jüdischen Museum Wien, die live im ORF übertragen wurde. Familiär waren wir bereits indirekt verbunden, da Dora und mein Vater gemeinsam in der Freien Österreichischen Jugend und später in der KPÖ aktiv waren. Am vergangenen Wochenende ist Dora für immer eingeschlafen. Ich bin dankbar für jedes Gespräch, das ich mit ihr führen durfte. Leider waren es viel zu wenige. Ich werde Dora jedenfalls immer in besonders lieber Erinnerung behalten.
 
Für die Gedenkveranstaltung zum Novemberpogrom 2018 habe ich Dora Schimanko nach ihren Wünschen für die Zukunft Österreichs gefragt: „Am wichtigsten ist, dass Österreich die eigene Verfassung verteidigt. Die Österreicher und insbesondere die Wiener sollen wissen, dass Österreich seit es existiert, ein Mischpunkt der Kulturen und der Völker war. Und das eine fremde Kultur und eine fremde Ansichtsweise keine Bedrohung ist, sondern eine Bereicherung, wenn man richtig damit umgeht. Und, dass eigentlich das ganze Flair von Wien darauf beruht, dass es immer ein Mischpunkt der Völker war. Jetzt ist es so, dass eine Ängstlichkeit und eine Fremdenfeindlichkeit aufgekommen ist, die wir in Österreich nie hatten in dieser Form und das ist für mich eine späte Frucht der Nazischule. Und ich möchte es ganz klar sagen, dass es gegen alle älteren Traditionen in Österreich ist. Meine Wünsche sind, dass wir auf den alten Stand zurückkommen.“