Ganz persönlich | 02. Juni 2020

Die Gedanken der Dinge

von Hannah Landsmann
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Interessant, oder? Aber auch ein wenig seltsam? Wer trägt solche Kronen? Wer hat so große Köpfe? BesucherInnen denken, wir würden nicht merken, dass sich die Gäste des Schaudepots zuweilen enorm wundern. Wir hören ihre Fragen und manchmal können wir auch ihre Gedanken lesen.
 
Das Schaudepot im Jüdischen Museum Wien wurde 1996 eingerichtet und hatte weniger die Aufgabe, die Sammlungsbestände zu zeigen und zu erklären noch über einzelne Objekte Auskunft zu geben. Es sollte auf recht drastische Weise illustrieren, dass man es hier nicht mit einer Sammlung, sondern mit einem Rest, einer Einsammlung, mit etwas übrig Gebliebenem zu tun hat. Die Vermittler*innen haben freilich trotzdem – oder gerade deshalb – die Geschichten der Objekte und die Geschichten hinter den Dingen zu erzählen vermocht, wer keine Führung buchen wollte oder konnte, konnte diese Geschichten nicht leicht ausfindig machen.
 
15393. 15394. Mit diesen Nummern sind zwei Kronen im Inventar des Jüdischen Museums Wien verzeichnet. Der Standort ist ebenfalls verzeichnet. Diese beiden Objekte wurden nacheinander inventarisiert und stehen jetzt sogar nebeneinander. Unterschiedliche Einträge über Größe, Material und Zustand sind vermerkt. Die kleinere Krone hat eine Widmungsinschrift, die in hebräischen Buchstaben ausgeführt ist. „Dies ist eine Gabe von R. Schabtai Jehuda Lipschitz, sein Licht leuchte, und seiner Gattin Malie, sie möge leben, für die Gesellschaft/Bruderschaft „Linat ha-Zedek“ im Jahr 1908".
 
Hat nun R. Schabtai Jehuda Lipschitz diese Krone getragen und sie dann dem Museum geschenkt? Das R steht für Rav, also Rabbiner. Herr Lipschitz hat mit seiner Frau der Gesellschaft „Linat ha-Zedek“ die Krone geschenkt. Wem gehört sie aber nun? In gewisser Weise dem Verein „Linat ha-Zedek“, einem Wohltätigkeitsverein in der Wiener Wolfsaugasse 10 im 20. Bezirk. Wenn es dort eine Synagoge oder ein Bethaus gab, dann natürlich auch Tora-Rollen. Alle Kronen im Jüdischen Museum Wien sind Tora-Kronen. Die Tora, die fünf Bücher Mose, sind von Hand auf Pergament geschrieben, natürlich in hebräischer Sprache und prächtig geschmückt. Die Krone ist ein sehr verständliches Symbol für Bedeutung, Einfluss und Macht. Im Judentum krönt man nicht Menschen oder Herrscher, sondern das Gesetz, die Gebote. Herr Lipschitz stammt aus Irshava in der Karpatoukraine. 1908 ist das Gründungsjahr des Vereines, womöglich haben in Wien ansässige Landsleute von Rabbiner Lipschitz den Verein gegründet und zur Einweihungsfeier eine Tora-Rolle gestiftet? Vielleicht waren er und seine Gattin zur Feier selbst anwesend?
 
Oft ist man mit diesem vielleicht konfrontiert. Vielleicht können die KuratorInnen noch etwas mehr herausfinden, vielleicht aber auch nicht. Da kann man nichts machen. In den Workshops mit SchülerInnen, die im Schaudepot stattfinden, haben die jungen Leute oft eine sehr klare und kluge Meinung über das fehlende Wissen zu einem Objekt. Auch wenn wir die Geschichte des Objektes nicht kennen, hat es doch eine Geschichte gehabt! Ja, das stimmt.
 
Die im Inventar mit 15394 verzeichnete Krone hat gar keine Widmungsinschrift. Wo sie einst verwendet wurde, ist nicht mehr nachvollziehbar. Die üblichen Einträge über Größe und Zustand lauten: „Verschmutzt, angelaufen, 3 Glöckchen fehlend, verbogen; 1 Adlerflügel abgebrochen“, der Adler bildet den oberen Abschluss des als Doppelkrone ausgeführten Objektes. Datiert wird sie auf die Zeit um 1900.
 
Beide Kronen und alle anderen in der großen Mittelvitrine befindlichen Objekte gehören zum Sammlungsbestand der Israelitischen Kultusgemeinde, der 1992 als Dauerleihgabe an das Jüdische Museum der Stadt Wien übergeben wurde. Diese Sammlung, die eigentlich keine ist, besteht aus jenen Objekten, die aus Synagogen, Bethäusern und auch Privatwohnungen nach 1945 noch vorhanden waren, nicht zerstört, nicht verbrannt, nicht gestohlen.
 
Eine Gruppe VolksschülerInnen sollte in einem Workshop eine neue Szene für den Film „Nachts im Museum“ konzipieren. Sie ließen eine der Tora-Kronen abends aus dem Museum ausbrechen und ihre Synagoge suchen. Da der nächtliche Spaziergang anstrengend und völlig ergebnislos geblieben war, kehrte die Krone zurück. Sie meinte, sie hätte im Museum wenigstens die Gesellschaft anderer Kronen. Und anderer Geschichten, die die Geschichte des jüdischen Wien erzählen.
 
Die Protagonistinnen dieses Beitrags sind in der großen Mittelvitrine zu finden. 5. Abteilung von links, 3. Stock von unten, zweite Reihe.
 
Fotos © Jüdisches Museum Wien