Nahaufnahme | 04. Mai 2020

Hedy Mandl auf dem Opernball

von Andrea Winklbauer
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„Es war sein Spiel gewesen, mich gefangen zu halten.
Es war mein Spiel gewesen, zu entkommen.
Er hat verloren.“

Hedy Lamarr über ihre Ehe mit Fritz Mandl

Ganze vier Doppelseiten widmete die Kultur- und Lifestyle-Zeitschrift Die Bühne in ihrem zweiten Jänner-Heft 1937 der Berichterstattung über den Wiener Opernball. Zum Anlass passend, bestand sie fast nur aus Fotos zahlreicher Promis. Das „adelige Jungdamen- und Jungherrenkomitee“ tanzte an diesem 16. Jänner 1937 in Rokoko-Kostümen, ganz nach dem Motto „Vom Menuett zum Walzer“. Bundeskanzler Kurt Schuschnigg teilte sich einen Tisch mit Staatssekretär Guido Schmidt. In einer „berühmte[n] Wiener Loge“ erspähte der bekannte Theaterfotograf Otto Skall den Baron Louis von Rothschild. In einer anderen, wohl nicht weniger berühmten, fotografierte er Kammersänger Richard Tauber mit seiner zweiten Ehefrau, der britischen Schauspielerin Diana Napier.

Unter den Schauspielerinnen und Schauspielern, Diplomaten und Politikern, Großbürgern und Adeligen, die sich mehr oder weniger zu amüsieren scheinen – oder sich wenigstens der Lust des „Sehens und Gesehenwerdens“ hingaben, fällt das große Foto der „Frau Generaldirektor Hedy Mandl“ etwas aus dem Rahmen. Die attraktive junge Frau wirkt nicht sehr interessiert an dem gesellschaftlichen Ereignis. Skall lichtete sie in einer Loge sitzend ab und obwohl hinter ihr ein Stück von einem stehenden Mann im Frack zu sehen ist, wirkt sie im dunklen Kleid vor dunklem Hintergrund, als wäre sie allein.

Hedy Mandl, geborene Kiesler, später Lamarr, war 22 Jahre alt, sieht aber deutlich älter aus und ist auffallend mager, mit Schatten um die Augen, spitzer Nase und spitzem Kinn. „Sie schaut schlecht aus“, hätte eine Wienerin ihrer Generation gesagt. Aus Interviews und ihren unter dem Titel Ekstase und ich veröffentlichten Lebenserinnerungen wissen wir, dass die Ehe mit dem Rüstungsmagnaten Fritz Mandl, mit dem sie seit Sommer 1933 verheiratet war, nicht gut für sie lief. Er war der Industrielle und Waffenhändler, einer der reichsten Männer Österreichs, der mit Mussolini und Nazi-Deutschland Geschäfte machte und die Heimwehr unterstütze. Sie war die Bankierstochter, gefeierte Schönheit und bekannte, wenn auch ehemalige Schauspielerin, die sich mehr wie eine Trophäe denn wie eine Ehefrau vorkam: „Er hatte nicht mich geheiratet, er hatte mich gesammelt, genau wie einen Geschäftserfolg.“ Otto Skalls Foto enthüllt, was das mit ihr machte. Ob der Fotograf das wohl selbst erkannt hat?

Zum Zeitpunkt des Opernballs 1937 war ihr bestimmt längst klar, dass sie dieser ungesunden Ehe entkommen musste. Offenbar war sie der Meinung, dass es nicht genügen würde, ihren Mann nur zu verlassen. Um sich aus seiner Reichweite zu befreien, hielt sie es für nötig, auch ihre Heimat und sogar den Kontinent hinter sich lassen. Nach zwei gescheiterten Versuchen glückte ihr die Flucht im Spätsommer 1937. Via Paris, London und New York gelangte sie mit Chuzpe und viel Glück nach Hollywood – und hatte dort Erfolg, wo er vielen anderen versagt blieb: Unter dem Namen Hedy Lamarr begann sie ihr neues Leben als Hollywood-Star. Dass sie sich aus der einen Unfreiheit, die sie zurückgelassen hatte, in eine andere begab, nahm sie dafür in Kauf.

Foto © Die Bühne, Nr.440, 1937, S.26-27 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek)