Nahaufnahme | 29. Februar 2020

Was Sie sonst nicht sehen würden

von Hannah Landsmann
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Leider können Sie unsere Ausstellungen derzeit nicht besuchen, was wir alle sehr bedauern. Da wir den Dialog und die Interaktion mögen, entstand die Idee, Ihnen über unseren Museumsblog Objekte vorzustellen, die in den Führungen nicht vorkommen - weil sie zu klein sind, die Vitrine nicht zulässt, dass die Gäste näher hingehen oder weil die Geschichte und das Objekt nicht zu Wort kommen, da andere Geschichten lauter und andere Objekte größer sind.
 
Cher Monsieur,
vous avez été trop aimable de m’envoyer
le prix du portrait
de Madame Fould.
Vous savez que j’ai
l’interêt de le recommencer (...)
 
Sehr geehrter Herr,
Sie waren zu freundlich, mir den Preis des Portraits
von Madame Fould zu schicken.
Wissen Sie, dass ich es gerne
noch einmal machen würde (...)
 
:
Brief von Pierre-August Renoir an die Famile Fould. 4. August 1880
© Felipe & Renata Propper de Callejon
 
Als Vermittlerin melde ich mich selbst zu Wort, indem ich auf das Erzählte mit einer eigenen Erzählung reagiere, die Form dieser Erzählung ist der Brief.
 
Sehr geehrter Herr Renoir, es ist doch aber ein schönes Bild! Wir können beim besten Willen nicht nachvollziehen, warum Sie damit nicht zufrieden sind? Auf jeden Fall scheinen die Gefühle derart mit Ihnen durchgegangen sind, dass man Ihre Schrift gar nicht gut entziffern kann. Der von Ihnen adressierte Monsieur ist wohl Thérèses Ehemann, Monsieur Fould. Thérèse ist die Tochter von Chaim Ephrussi, dem Familienstammvater aus Odessa, und seiner zweiten Frau Henriette. Thérèse wurde 1851 in Odessa geboren und starb 1911 in Paris. Tatsächlich sitzt sie etwas steif da, finden Sie nicht? Vermutlich hatte sie schon Rückenschmerzen vom Modellsitzen? Das Schmuckstück, das sie im Dekolletee trägt, könnte das erklären? Oder aber ihr Tagebuch? Sie schreibt am Anfang eine Art Vorwort, dass sie nun wieder mit dem Schreiben ihres „journal“ beginnen und ihm Dinge anvertrauen würde, die sie auch ihrem engsten Freund nicht erzählen könnte. Wer weiß, was Madame Fould über Ihr Werk dachte? Wären Sie nicht auch interessiert zu wissen, was in diesem Tagebuch steht?
 
Portrait, Brief und Schmuck sind Leihgaben von Renata Propper de Callejon, die diese Objekte in ihrem New Yorker Zuhause verwahrt. Vielen Dank für die Leihgaben!
 
:
Pierre-August Renoir, Porträt Thérese Ephrussi - Madame Léon Fould, Öl auf Leinwand, 1880
© Felipe & Renata Propper de Callejon
 
Thérèse Ephrussis Brosche, zu sehen auf dem Porträt von Renoir
Foto: Sebastian Gansrigler
© Felipe & Renata Propper de Callejon