Nahaufnahme | 09. Mai 2017

Eine Aura der Verstörung

von Danielle Spera
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Obwohl Bunker schützende Bauwerke darstellen, die Menschen vor direkter Gefahr verschonen sollen, verströmen diese Räume eine Aura der Verstörung. Enge, Kälte, dickes Mauerwerk, Beton, Stahl und die Vorstellung von Lebensgefahr sind das Ingrediens, das unangenehme und irritierende Empfindungen auslöst.
 
Mein Aufwachsen war geprägt von Erzählungen über Bunker, Schutzräume, bzw. Luftschutzkeller. In erster Linie durch meinen Vater, der durch seine jüdische Mutter von den Nazis als „Mischling 1. Grades“ eingestuft worden war. Er wurde gezwungen, nach alliierten Luftangriffen Leichen zu bergen. Zu diesem Zeitpunkt war er 15 Jahre alt. „Zwei Einsätze in Ottakring haben sich besonders in mein Gedächtnis eingegraben: In einem Luftschutzkeller saßen Menschen mit Blutaustritt aus Mund und Nase wie lebend, denen jedoch der Luftdruck die Lungen zerrissen hatte. Anderswo wurde ein Weinkeller getroffen und im Rotwein waren schwimmende Leichenteile zu bergen.“ (Spera, Kurt: Ein Leben in zwei Jahrhunderten, Wien 2010). Seine Schilderungen sind immer in meinem Bewusstsein geblieben.
 
Als ich später mit dem Aktionskünstler Hermann Nitsch an seiner Biographie arbeitete, sprachen wir immer wieder auch über das Thema der Radikalität seiner Kunst und gingen der Frage nach, weshalb er sich geradezu dazu gedrängt fühle, eine derart spannungsgeladene Arbeit zu machen. Er berichtete von der Todesangst, die er bereits als Fünfjähriger während des Zweiten Weltkriegs verspürt hätte. Der dröhnende Alarm, die hektisch flüchtenden Menschen, die Stille im Bunker und dann flüsternde Gebete. Floridsdorf, wo Nitsch und seine Mutter lebten, war als Sitz von Industrieanlagen ein besonderes Ziel der Alliierten. Daher erlebte der kleine Hermann bis 1945 nahezu täglich, was es bedeutete, in Lebensgefahr zu sein. Er erinnert sich: „Ich habe in diesem Alter schon wirkliche Todesangst gehabt und gewusst, was es heißt, zu sterben, die Wohnung zu verlieren und kein zu Hause mehr zu haben. Ich glaube schon, dass diese dramatische Situation etwas bei mir hinterlassen hat. Vielleicht kommt deshalb auch immer wieder die Wiederholung solcher Angstsituationen. Die ja vorhanden sind. Die Welt ist noch nicht ohne Krieg. Wenn ich später in einem Hörspiel – Fliegeralarm oder so gehört habe – das ist mir immer durch Mark und Bein gegangen. Das Uhhuhhuhh – das war furchtbar, in meinem Empfinden immer mit laufenden Menschen verbunden. Na klar, die sind alle in den Luftschutzkeller gelaufen. Und dort ist gebetet worden, da hat man flüstern gehört: ‚Heilige Maria Mutter Gottes‘. Und ich wusste, ganz arg ist es, wenn die Leute zu beten beginnen […] . Als wir aus den Kellern herausgekommen sind, war alles verbrannt. Die Fabriken, alles war schwarz. Schwarze Wolken. Alles hat gebrannt. Die Häuser waren zum Teil vollkommen zerstört oder so zur Hälfte abrasiert, da hat man ein Klavier gesehen, das zur Hälfte heruntergehangen ist oder die Gewürzständer in der Küche eines bombardierten Hauses. Es war wie der Einbruch des Surrealismus in die bürgerliche Welt. Die ganze bürgerliche Welt ist verhöhnt und ad absurdum geführt worden.“ (Spera, Danielle: Hermann Nitsch. Leben und Arbeit.)
In der Schweiz verfügt jedes Haus über einen Atombunker, so auch jenes in der prachtvollen Landschaft der Innerschweizer Berge, in dem ich immer wieder Zeit verbringen durfte. Aus der herrlichen Bergluft und dem Eindruck eines wunderbar sonnigen Tages, begab ich mich in den Schutzraum, dessen Tür so massiv und schwer war, dass ich sie allein gar nicht schließen konnte und ließ mich für einige Minuten „einsperren“. Als die Tür geschlossen war, das fahle Licht den Raum spärlich beleuchtete, fühlte ich mich wie erdrückt und fürchtete, nicht genug Luft zu bekommen. Die Minuten fühlten sich wie viele Stunden an und ich freute mich auf das Zurückkehren aus der Welt von unten in die Welt von oben.
 
Im Jänner 1991 reiste ich im Auftrag des ORF nach Israel, das im zweiten Golfkrieg unter dem Eindruck der Angriffe von Scud-Raketen aus dem Irak stand.  Gleich nach der Landung auf dem wie ausgestorben erscheinenden Ben Gurion-Flughafen in Tel Aviv erfolgte die Ausgabe von kleinen Boxen mit Atropin Spritzen sowie Gasmasken für den Fall eines – vom irakischen Diktator Saddam Hussein angedrohten – Angriffs mit Giftgas. Auf der Fahrt in die Stadt erlebte ich Israel wie niemals zuvor. Keine Autos auf den Highways, die Straßen menschenleer, die pulsierende Küstenmetropole glich einer Geisterstadt. Das Hilton-Hotel, üblicherweise bevölkert von ausländischen Touristen, war zum Basislager für Journalisten aus aller Welt und zur Zentrale der Presseabteilung der IDF, der israelischen Armee, umfunktioniert worden. Den Neuangekommen wurde beschieden, dass man sich beim Ertönen des Alarms umgehend in den 4. Stock begeben sollte, der als Schutzraum im Fall eines Gasangriffs diente. Wenn man sich in diesem Schutzraum befand, konnte man ihn, solange der Alarmzustand andauerte, nicht mehr verlassen. Die Atmosphäre war seltsam: Viele Menschen, dicht aneinander gedrängt, düsteres Licht. Wir alle trugen Gasmasken und konnten aus diesem Grund nicht vernünftig sprechen, sondern nur eigenartige Laute von uns geben. In dieser Enge kam es plötzlich zu einem Gerangel zwischen einem Kamerateam und einem Sicherheitsmann. Das Kamerateam wollte nur eine Sequenz über die Journalisten mit den Gasmasken drehen und dann den Schutzraum wieder verlassen. Die Security hatte den Raum aber bereits dicht gemacht. Aus dem Gerangel entwickelte sich ein Schlagabtausch, die Spannung war kaum auszuhalten. Nach Ende des Alarms war ich unendlich glücklich ins Freie zu kommen. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich mich nicht mehr überwinden, den so genannten gesicherten Raum zu betreten. Ich setzte mich über die Vorschrift hinweg und blieb während der nächsten Raketenangriffe in meinem Zimmer. Vom Balkon aus beobachtete ich die Raketenflüge, die glücklicherweise kaum Opfer forderten. Seitdem war ich mehrmals in Kriegssituationen in Israel. Diese Erlebnisse werde ich nie vergessen.