Nahaufnahme | 27. Februar 2017

Weiblich, Malerin, selbstbestimmt – Das verschollene Selbstportrait von Bettina Ehrlich-Bauer

von Andrea Winklbauer
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Die junge Frau hat einen skeptischen Blick. Mit hochgezogenen Brauen, ohne ein Lächeln um ihren schönen Mund, tritt sie uns ernst und selbstbewusst entgegen. Eine brennende Zigarette in der Hand, steht sie offenbar in ihrem Atelier, doch portraitiert sie sich nicht beim Malen. Die Staffelei dient im Moment nur als Garderobenständer, auf dem lässig ein eleganter Mantel hängt. Werke der Malerin sind nicht zu sehen, dafür Fischgrätparkett, ein verzierter, zylindrischer Ofen (oder ist es eine Säule?) und ein schlampig aufgelegter Teppich. Die Künstlerin steht darauf, elegant gekleidet und frisiert. Eine moderne Frau von 1928 – weiblich, Malerin, selbstbestimmt und hellwach.
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Bettina Ehrlich-Bauer: Selbstportrait, 1928, Fotografie nach dem verschollenen Gemälde, © Archiv des Belvedere, Wien, Foto: Bruno Reiffenstein (digital nachkoloriert für die Ausstellung im JMW)
 
Die Ausstellung Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938, der ein altes Foto* dieses – leider verschollenen – Selbstportraits als Plakatmotiv dient, enthält auch einige andere Künstlerinnen-Bilder. Da ist z. B. ein Foto von Tina Blau, der erfolgreichsten österreichischen Künstlerin der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das die Landschaftsmalerin dabei zeigt, wie sie eines ihrer Bilder auf einem Wägelchen zum Malen en plein air durch den Wiener Prater schiebt. Der Vergleich mit einem Kinderwagen drängt sich auf, nur dass Tina Blau anstelle der leiblichen Nachkommenschaft ganz bewusst die künstlerische gewählt hat. Sie schließt damit – bewusst oder nicht – an ein wichtiges Motiv der „Legende vom Künstler“ seit der Renaissance an, das die Hingabe des Künstlers an seine Berufung unterstreicht. Als Person wollte sich Tina Blau aber lieber nicht groß inszenieren.
Tina Blau mit Malwagerl im Wiener Prater, um 1900, Fotografie
 
Ein anderes Künstlerinnen-Bild, diesmal wieder ein gemaltes Selbstportrait**, stammt von der russischen, lange Zeit in Wien beheimateten Bildhauerin Teresa Feodorowna Ries. Nicht unähnlich Bettina Ehrlich-Bauer präsentiert sie ihre eigene Person selbstbewusst, zeigt sich aber nicht wie diese als elegante Dame, sondern im Arbeitsgewand der Künstlerin. Doch auch Ries bedient sich einer Geste um ihren Auftritt zu unterstreichen: Die in die Hüfte gestützte Hand räumt jeden Zweifel an ihrem Selbstbewusstsein aus. Der breite, dekorierte und vergoldete Originalrahmen des Bildes trägt das Seine dazu bei, dieses Künstlerinnenbild in seiner Bedeutung zu erhöhen.
Das Selbstportrait von Teresa Feodorowna Ries im Atelier der Künstlerin, Fotografie, aus: T. F. Ries: Die Sprache des Steins, Wien 1928
 
Im Gegensatz zu Ries‘ Selbstportrait von 1902 wirkt das 1928 entstandene von Ehrlich-Bauer natürlich viel moderner. Ihr Stil heißt Neue Sachlichkeit und war in der ersten Hälfte der 1920er-Jahre in Deutschland als Reaktion auf die Exzesse des Expressionismus und des Ersten Weltkriegs entstanden. Das gemalte Werk von Bettina Ehrlich-Bauer wird von 1925 bis in die frühen 1930er-Jahre hinein davon bestimmt. Ihre Interpretation ist kraftvoll und einprägsam, vereinfachend und mit bewusst eingesetzten Anklängen ans Naive. Zugleich enthält gerade ihr Selbstportrait aber auch ein Element des Neuen Sehens aus der zeitgleichen Fotografie: die Sicht von schräg oben auf ihre ganze Gestalt.
 
Leider können wir uns über dieses Gemälde heute nur noch durch eine alte Schwarzweißfotografie informieren: Wie fast alle übrigen Gemälde ihres Frühwerks ist auch das Selbstportrait verschollen, seit es die Künstlerin bei ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten 1938 in Wien zurückließ. Damit man es sich als Gemälde besser vorstellen kann, haben wir einen Scan des Fotos digital um ein paar Farben ergänzt, die wir dem einzigen ihrer Bilder aus dem fraglichen Zeitraum, das heute physisch zur Verfügung steht, dem Stillleben Jonny spielt auf, abgeschaut haben. Dieses eine noch vorhandene Gemälde und die auf den Fotos abgebildeten lassen erkennen, was für ein großer Verlust das Verschwinden dieses Werks für die österreichische Kunstgeschichte ist. Gleichzeitig machen uns die Fotos aber auch bewusst, dass wir noch froh sein können, dass sie erhalten geblieben sind. Wieviel andere aufregende Werke mag es gegeben haben, die wir nicht kennen und ohne Abbildungen auch niemals kennen lernen werden? Doch vielleicht haben wir ja Glück und es taucht das Selbstportrait oder eines der anderen Originalgemälde doch noch irgendwo wieder auf.
 
Bettina Ehrlich-Bauer: Jonny spielt auf, 1928, Ölgemälde, Privatbesitz
 
Die Ausstellung Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938 ist noch bis 1. Mai im Museum Dorotheergasse – Palais Eskeles zu sehen.
 
* Das Foto ist Teil eines Bestands von alten Werkfotos, die sich heute zusammen mit dem Nachlass der Künstlerin im Archiv des Belvedere, Wien, befinden.
 
** Das Bild befindet sich heute im Besitz des Wien Museums.
 
Titelbild: Bettina Ehrlich-Bauer: Selbstportrait, 1928, Fotografie nach dem verschollenen Gemälde, © Archiv des Belvedere, Wien, Foto: Bruno Reiffenstein (digital nachkoloriert für die Ausstellung im JMW)