Nahaufnahme | 13. Februar 2017

Karplus und Freud - Ein Klapptisch mit Geschichte

von Werner Hanak-Lettner
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Das Museum hat eine ganz besondere Schenkung erhalten. Nobelpreisträger Martin Karplus und seine Frau Marci überantworteten uns im vergangen Jahr zwei Möbel aus dem Karplus-Familienbesitz: Einen Schaukelstuhl und einen Klapptisch aus der Familienwohnung im Palais Lieben-Auspitz. Den Schaukelstuhl werden wir in der Ausstellung zu den Wiener jüdischen Salons, die wir ab Mai 2018 präsentieren, zeigen. Der Klapptisch ist seit gestern ein neues Highlight in unserer permanenten Ausstellung Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute.
 
Deshalb heute vor allem zum Klapptisch. Ein wunderschönes Möbel, das, auch wenn es stilistisch so tut, als wäre es älter, wohl erst in den 1920er Jahren entstanden ist. Neben seinem schmucken Äußeren ist es aber vor allem seine Geschichte, die den Tisch so interessant macht, sodass wir uns entschlossen, ihn in der permanenten Ausstellung in den Bereich zwischen Wien um 1900 und der Zwischenkriegszeit zu platzieren.
 
Auf dem Klapptisch spielte Martin Karplus Großvater, Dr. Johann Paul Karplus, Neurologe und Primar an der Wiener Polyklinik, gerne mit Freunden Tarock. Mit von der Partie war immer wieder Kollege Dr. Sigmund Freud. Treffpunkt war dabei die repräsentative Karplus-Familienwohnung im zweiten Stock des Palais Auspitz-Lieben, wo Karplus mit seiner Frau Valerie, geb. Lieben, und vier Söhnen wohnte. Das Palais liegt am Ring neben dem Burgtheater und beherbergt noch heute im Erdgeschoss das berühmte Café Landtmann.
 
Johann Paul Karplus starb 1936, Valerie im Jänner 1938. Der älteste Sohn Hans, Vater von Nobelpreisträger Martin Karplus, war als einziger der Familie zur Zeit des „Anschluss‘“ in Wien. Er organisierte vier Möbelcontainer und sandte sie an seine Brüder nach Palästina und USA (Massachusetts), wohin er kurze Zeit später selbst flüchtete.
 
Martin Karplus erbte den Spieltisch wie auch den Schaukelstuhl. Gemeinsam mit seiner Frau Marci besuchte er 2015 das Jüdische Museum anlässlich der Ausstellung Ringstraße. Ein jüdischer Boulevard, die auch seine Familie und den Vermögensentzug 1938 thematisierte. In der darauffolgenden Ausstellung Die Universität. Eine Kampfzone wurde dann Martin Karplus’ Nobelpreis selbst thematisiert – vor allem die versuchte Instrumentalisierung durch Österreich – ein Schicksal, das er mit seinen in Wien geborenen Nobelpreis-Kollegen Walter Kohn und Eric Kandel teil.
 
Wir freuen uns ganz besonders über das Vertrauen von Martin und Marci Karplus. Wir wissen nur zu gut, was wir an diesen neuen Objekten in unserer Sammlung haben. Anhand des Tisches gelingt es uns nun, die Verbindungen zwischen den Ringstraßen-Familien und der Wiener jüdischen Geisteswelt um 1900 und danach noch plastischer darzustellen.
Aufbau des Tisches in der Dauerausstellung © Jüdisches Museum Wien / Lukas Pichelmann
Foto © Jüdisches Museum Wien / Lukas Pichelmann
 
Titelbild: © Jüdisches Museum Wien / Lukas Pichelmann