Nahaufnahme | 28. Oktober 2016

Unterwegs mit Victoria Blitz – Wiener jüdische Geschichte für Menschen von 3 bis 120

von Hannah Landsmann
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Als Kulturvermittlerin habe ich viel mit Geschichte zu tun – mit Historie natürlich, aber auch mit den Geschichten der Dinge und ihrer BesitzerInnen, die uns die Vergangenheit erst näherbringen. Manche Geschichten müssen erst erfunden werden – zum Beispiel im Rahmen von Workshops mit Kindern, denn VermittlerInnen sollten immer wieder auch der Phantasie das Wort überlassen!
 
Daher war meine Freude groß, als Direktorin Danielle Spera die Idee unterstützte, ein Kinderbuch zu schreiben, das vom Jüdischen Museum ausgeht und wie ein Katalog beim Rundgang durch die Dauerausstellung im Palais Eskeles benutzt werden kann. Genauso gut kann man das Buch auch auf dem Sofa zu Hause (vor-)lesen, es kann ausgemalt werden und man kann damit sogar basteln. Danielle Spera hat das Projekt nicht nur unterstützt, sondern wir haben den Text auch gemeinsam entwickelt, immer wieder verändert und bearbeitet und dabei viele Gespräche geführt, bis wir im September dieses Jahres das erste Kinderbuch zur Wiener jüdischen Geschichte vorlegen konnten.
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Das berühmte Fahrrad von Theodor Herzl ist nicht nur sichtbarer Angelpunkt in und für die Ausstellung Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute, die „Radrennmaschine“ aus dem Hause Opel inspiriert auch zu Geschichten und zum Nachdenken über die Frage, wie sich Geschichte(n) vermitteln lassen – auch wegen ihres klingenden Namens Victoria Blitz. Für unser Buch sollte sie als ‚Titelheldin‘ nicht zur Erzählerin werden – also ohne Gesicht und Sprechblasen auskommen – aber die LeserInnen durch das Buch und damit durch die jüdische Geschichte Wiens begleiten.
 
Ein Kinderbuch ohne Illustrationen ist nur das halbe Vergnügen!
Durch einen Zufall haben wir Roland Plachy kennengelernt, der seit 2015 an der Angewandten studiert, großartig zeichnen kann und uns schon mit dem ersten Blatt überzeugt hat: Sigmund Freud in seiner Wiener Ordination, umgeben von Büchern, aber ohne Sofa. Das sollen die LeserInnen für Dr. Freud zeichnen, damit er auch mal wieder die Seele baumeln lassen kann.
Der Erfinder der Psychoanalyse in einem Kinderbuch? Ja. Auch, dass er Wien 1938 verlassen musste, dass die Wiener jüdische Gemeinde einmal sehr groß war, dass in der Nazi-Zeit viel zerstört wurde und dass es heute wieder eine kleine, aber sehr lebendige jüdische Gemeinde gibt. Das kann man erzählen, das muss man erzählen.
 
Um 12 Euro kann man dieses Buch im Jüdischen Museum Wien erwerben und, wenn man will, gleich in die Ausstellung mitnehmen – Buntstifte liegen bereit! Abgesehen von Freuds Sofa können LeserInnen für Kaiser Joseph II. ein neues Outfit designen, es gibt Zahlen- und Suchrätsel, einen (noch leeren) Schabbat-Tisch, den man decken kann, einen Mini-Hebräischkurs und natürlich Geschichte(n). Unsere Stadt! gehört auch den Kindern und mit diesem Buch kann es gelingen, eine Beziehung zwischen dieser Stadt, ihrer jüdischen Geschichte, manchen ihrer ProtagonistInnen und den (jungen) LeserInnen herzustellen.