Nahaufnahme | 10. Juni 2016

Louis Armstrong sprach Jiddisch, oder: wie afroamerikanische und jüdische Musiker den Jazz erfanden

von Marcus G. Patka
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Der Legende nach erhielt der große Jazztrompeter und Sänger Louis Armstrong seine erste Trompete in einem Waisenhaus. Tatsächlich jedoch wurde der Junge aus bettelarmen Verhältnissen von der jüdischen Familie Karnofsky aus Litauen aufgelesen und quasi adoptiert. Dies ist eine der vielen Geschichten, die wir in der Ausstellung Stars of David. Der Sound des 20. Jahrhunderts erzählen.

Der kleine Louis begleitete Vater Karnofsky durch New Orleans, wo dieser mit seinem Karren voller Altmetalle durch die Straßen zog. Daher war das erste von Louis Armstrong geblasene Horn jenes, das den Straßenhändler der potentiellen Kundschaft ankündigte. Seine erste musikalische Erfahrung waren die russischen Wiegenlieder, welche Mutter Karnofsky am Abend sang. Dadurch erlernte der kleine Louis die jiddische Sprache. In späteren Jahren sollte er sich an die Familie Karnofsky erinnern: „Ich war erst sieben Jahre alt, aber ich musste die unchristliche Behandlung der armen jüdischen Familie, für die ich arbeitete, durch die Weißen mitansehen. Ich habe von ihnen viel fürs Leben gelernt. Langsam bekam ich das Gefühl, ich hätte eine Zukunft. Sie haben gesehen, dass ich Musik in meiner Seele hatte. Sie wollten, dass aus mir etwas wird. Und das war die Musik. Und sie schätzten jede meiner Bemühungen.“ Louis Armstrong entwickelte sich zur Jazz-Legende, die die Welt umarmte, und sie ihn.

Armstrongs Erlebnisse sind symptomatisch für die Gründungsgeschichte des Jazz. Dessen Wurzeln kamen aus Afrika, doch an der Schnittstelle zum amerikanischen Mainstream waren auch Angehörige anderer Minderheiten vertreten: italienische, irische und vor allem jüdische Musiker. Afrikanische und jiddische Musik haben viele Gemeinsamkeiten, etwa den vokalisierten Ton und die Improvisation, hinzu kommt eine lange Tradition der mündlichen Überlieferung.

Vor allem einte Juden und Afroamerikaner aber die Erfahrung der Verfolgung durch den weißen Mann: Im Amerika der Jahrhundertwende galten Jüdinnen und Juden noch als ‚Orientalen‘, der gesellschaftliche Aufstieg sollte lange dauern und das protestantische Establishment rümpfte seine Nase über diese neue Musik der Unterschicht. Bis in die späten 1950er-Jahre verdienten schwarze Musiker nach den von den amerikanischen Musiker-Gewerkschaften festgelegten Honorarsätzen für Auftritte wesentlich weniger als ihre weißen Kollegen.

Es waren jüdische Impresarios wie Norman Grantz oder Bandleader wie Benny Goodman und Artie Shaw, die erstmals afroamerikanische Musiker und SängerInnen in ihre Bands aufnahmen – die Rassendiskriminierung war deshalb aber noch lange nicht aufgehoben und war für viele unerträglich: So verließ Billie Holiday die Band von Artie Shaw, weil sie nicht ertrug, sich über die Hintereingänge der Auftrittsorte auf die Bühne zu schleichen und nach den Konzerten von den weißen Musikern getrennt in anderen Hotels nächtigen zu müssen.

Die Erfahrung der rassistischen Verfolgung war auch Anstoß für einzelne Kompositionen oder Liedtexte. Billie Holiday z. B. war insbesondere für ihren Song Strange Fruit berühmt, den sie bis an ihr Lebensende bei fast jedem Konzert sang. Bei dieser „seltsamen Frucht“ handelt es sich um die Opfer der Lynchjustiz des Ku-Klux-Klans, der in den Südstaaten die afroamerikanische Bevölkerung terrorisierte. Geschrieben hatte diesen Song Abe Meropol, ein jüdischer Lehrer aus New York, der später noch ein Opfer der von Senator Joseph McCarthy betriebenen ‚Kommunistenhatz‘ wurde.

Die Berliner Emigranten Francis Wolff und Alfred Lion gründeten das legendäre Jazz-Label Blue Note, das ab den 1950er-Jahren den Jazz zur allgemein anerkannten Kunstform mitentwickelte. Da die Bekämpfung der ‚Rassentrennung‘ in der Musik und insbesondere im Jazz also gelebte Praxis war, hatte die Musik einen wesentlichen Anteil an der Abschaffung dieser Politik in den USA.
 

Die Ausstellung Stars of David. Der Sound des 20. Jahrhunderts, kuratiert von Marcus G. Patka und Alfred Stalzer, ist noch bis 2. Oktober im Museum Dorotheergasse zu sehen.

Foto (c) Library of Congress