Nahaufnahme | 29. Januar 2016

Gerson Wolf hat ein Brett vorm Kopf

von Barbara Staudinger
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Der Beginn der Ausstellung Die Universität. Eine Kampfzone: Eine überdimensionale Portraitfotografie. „Wer ist dieser Mann?“, mögen viele BesucherInnen fragen. Ich stelle mir diese Frage nicht, denn ich kenne ihn gut.

Es ist Gerson Wolf, der Urvater, wenn man so will, und Doyen der Geschichtsschreibung zur jüdischen Geschichte Wiens. Er hat mich lange Jahre meines wissenschaftlichen Lebens begleitet. Den Ausstellungsraum durchziehen rohe Holzbalken, ein Balken geht quer über die Stirn des Historikers. „Wie passend!“, denke ich: „er hat ein Brett vorm Kopf.“

In der Ausstellung ist das freilich nicht so gemeint. Der Balken über der Stirn von Gerson Wolf soll vielmehr darauf hinweisen, dass auch noch nach 1867 Juden keinen unbeschränkten Zugang zur Wiener Universität hatten. Dennoch: Man kann es auch anders lesen.

Zahllose Veröffentlichungen tragen Gerson Wolfs Namen, in den Appendices seiner Werke finden sich viele, zum Teil heute nicht mehr überlieferte Quellen. Damit ist Gerson Wolfs Werk Quelle und Sekundärliteratur gleichermaßen. Er war nicht nur der Erste, der sich mit der jüdischen Geschichte Wiens beschäftigte, er hatte auch ein gutes Gespür für jene Themen, die noch mehr als 100 Jahre später die Forschung interessieren: sei es das Verhältnis der Wiener Universität zu den Juden, seien es Fragen der Konversion oder auch die Zusammenführung der inneren Verfasstheit der jüdischen Gemeinden mit obrigkeitlichen Quellen. Man kommt nicht an ihm vorbei, beschäftigt man sich mit der jüdischen Geschichte Wiens. Sein Verdienst könnte gar nicht groß genug sein, gäbe es da nicht einen Haken.

Oft wurde schon darauf hingewiesen, dass es Gerson Wolf mit der Interpretation von Quellen nicht so genau nahm: Sei es das Gründungsdatum der Wiener Universität, dass er, die Quellen missinterpretierend, auf das Jahr 1273 vorverlegen wollte, sei es die Praxis der Smicha, der Handauflegung zur formellen Einsetzung der Rabbiner, die er – ohne Hinzuziehung von Quellen – im Zusammenhang mit der Einführung der Promotion an der Universität sehen wollte. Oder die Geschichte von Esslein Ausch in seiner Geschichte der Juden in Wien (1876), in der er einen jüdischen Denunzianten des Ritualmordvorwurfs gegenüber den Pösinger Juden im Jahr 1529 erfand.

Derartige Fehler sind bei Gerson Wolf nicht einzigartig und verbinden sich immer wieder mit seiner Interpretation der jüdischen Geschichte, die auch lebensgeschichtlich geprägt war. Nachdem er 1848 mit den Revolutionären zumindest sympathisiert hatte, machte er nach seiner Inhaftierung wegen der Verbreitung revolutionärer Schriften eine politische Kehrtwende. Fortan wollte er nichts mehr mit liberalen oder demokratischen Ideen zu tun haben – was sich auch in seinen wissenschaftlichen Werken niederschlug: von einer charakterlichen Diffamierung des Maskils Herz Homberg bis zum euphorischen Lob Kaiser Ferdinands II. Allerdings fehlt seinen Wertungen jene Stringenz, die man einem politischen Wollen unterstellen müsste. So hob er ganz im Gegensatz dazu die Reformen seines Freundes Isaak Noah Mannheimer positiv hervor.

Ich habe mich im Laufe meiner wissenschaftlichen Arbeiten zur jüdischen Geschichte Wiens an Gerson Wolf abgearbeitet. Ich musste mich mit ihm beschäftigen, denn seine Wertungen gingen in die Geschichtsschreibung ein und werden bis heute mehr oder weniger kritisch zitiert. Und so stehe ich in der Ausstellung, sehe auf das Portraitfoto von Gerson Wolf und muss lachen: Er hat ein Brett vorm Kopf.

Gast-Bloggerin Barbara Staudinger:
Studium der Geschichte und Theaterwissenschaften an der Universität Wien, arbeitet als freie Kuratorin in Wien und forscht wissenschaftlich zu jüdischer Geschichte mit den Schwerpunkten jüdische Geschichte der Neuzeit im Heiligen Römischen Reich, jüdische Geschichte in Österreich sowie Rechts- und Kulturgeschichte. Sie war u.a. als Kuratorin im Jüdischen Museum München tätig und ist Mitglied des kuratorischen Teams für die neue österreichische Ausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau (Eröffnung 2016).

Foto © JMW/Sebastian Gansrigler