Nahaufnahme | 19. Oktober 2015

Vier Objekte, eine Geschichte: 650 Jahre Universität Wien

von Adina Seeger
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Im Laufe der Vorbereitungen für unsere Ausstellung „Die Universität. Eine Kampfzone“ zeichnete sich für uns immer deutlicher ab, dass die Begriffe Inklusion und Exklusion den Kern der Erzählung darstellen. Stefan Fuhrer hat diesem Begriffspaar mit seinem Gestaltungskonzept eine räumliche Entsprechung gegeben.
 
Ich möchte hier ein paar Eindrücke aus der Ausstellung versammeln, die aus meiner Sicht sehr plastisch von der Geschichte des akademischen Ein- und Ausschlusses erzählen:
 
Für die ersten 500 Jahre Wiener Universität steht Pars pro Toto der Historiker, Journalist und Religionslehrer Gerson Wolf mit seiner Schrift „Studien zur Jubelfeier der Wiener Universität im Jahr 1865“. Wolf machte hier, was wir dieses Jahr, also 150 Jahre später, zum Anlass für unsere Ausstellung nahmen: er dokumentiert und analysiert die Geschichte der Universität Wien aus jüdischer Perspektive. Über 400 Jahre waren Juden von der Universität ausgeschlossen, etablierten ihre eigenen Wissenssysteme und trugen schließlich zum Aufstieg der Wiener Universität im 19. Jahrhundert bei.
 
© Jüdisches Museum Wien
 
Sprung ins Jahr 1881: Der Chirurg Anton Wölfler, Assistent Theodor Billroths, führt eine erfolgreiche Magenresektion durch, die als „Billroth II“ in die Geschichte der Medizin eingehen wird. Wölflers Fall zeigt, dass Juden in einer kurzen Periode im ausgehenden 19. Jahrhundert zwar an den Universitäten andocken konnten, aber in den meisten Fällen nur im Hintergrund agierten bzw. sich taufen lassen mussten, um Aussicht auf eine Universitätslaufbahn zu erhalten.

© Josephinum
 
Frauen konnten erst ab 1897 studieren, es blieb ihnen der Zugang zur Universität Wien also über 500 Jahre verwehrt. Wir erzählen unter anderem mit diesem Meldungsbuch der Romanistin und ersten Professorin Elise Richter von 1897, wie schwierig für Frauen der Weg an die Universität war. Aus jüdischer Perspektive lässt sich dabei feststellen, dass eine anfangs überwiegend sexistische Exklusion bald in antisemitische Diskriminierung umschlug und diese Frauen nur ein äußerst kurzes Zeitfenster von 41 Jahren – von 1897 bis 1938 – nutzen konnten.
 
© Wienbibliothek im Rathaus
 
Das letzte Objekt, das für mich eine zentrale Geschichte der Ausstellung erzählt, ist eine Promotionsurkunde. Es ist jene von Fritz Brügel, der aus Protest gegen die rassistische Studentenordnung und gegen die vom Rektorat tolerierte Gewalt gegen Jüdinnen und Juden an der Universität Wien diese Urkunde 1931 zerrissen dem Rektorat zuschickte.
 
Rückblickend scheint die Antwort des Rektorats vielem vorzugreifen, was danach geschah: das Rektorat gab Brügel lapidar bekannt, dass er fortan nicht mehr berechtigt sei, den Doktortitel zu führen.
 
© Archiv der Universität Wien, Foto: David Peters