Ganz persönlich | 31. August 2015

Ein echter Abenteurer

von Danielle Spera
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Zwar dauert meine Tätigkeit als Museumsdirektorin erst fünf Jahre und drei Monate, doch konnte ich im Lauf dieser Jahre viele spannende Eröffnungen unserer Ausstellungen organisieren. Mein Team und ich durften uns schon über viele herausragende Eröffnungsredner freuen, doch alles, was wir bisher erlebten, wurde durch die Eröffnung unserer Ausstellung „Wiesenthal in Wien“ getoppt. Es war uns gelungen, einen engen Freund und Wegbegleiter von Simon Wiesenthal als Redner zu gewinnen: Peter Michael Lingens, den langjährigen Herausgeber des profil. Er überraschte uns alle mit einer eingehenden, sehr politischen, gleichzeitig aber auch sehr emotionalen Rede. Für ihn, der seine Kleinkinderzeit ohne Eltern verbringen musste (Mutter Ella war in Auschwitz, da sie Juden versteckt hatte, sein Vater Kurt in einer Strafkolonie), war Wiesenthal eine Vaterfigur. 

Seine Mutter hatte ihn mit Wiesenthal bekannt gemacht: „Mir hatte meine Mutter nur gesagt, dass am Nachmittag ein interessanter Mann zu uns zum Tee käme. Er sei wie sie im KZ gewesen und jetzt so etwas wie ein Detektiv. Er suche NS-Verbrecher... ich stellte mir unseren Besucher düster und unnahbar vor. Stattdessen kam ein Mann, der in der ersten Sekunde durch sein Herzlichkeit für sich einnahm. Vor allem seine Augen strahlten eine ungeheure Wärme aus, die man physisch fühlte. Ebenso ansteckend war sein Lachen. Er erzählte einen köstlichen Witz  nach dem anderen – nur unterbrochen von ungerechtfertigten Komplimenten für die aufgetischten Süßigkeiten. Ungerechtfertigt deshalb, weil meiner Mutter sie zum halben Preis von einer Konditorin bezog, die wie sie während des Kriege Juden versteckt hatte.“ So beschrieb  Lingens seine erste Begegnung mit Simon Wiesenthal. Genauso habe ich Simon Wiesenthal erlebt, als interessanten Gesprächspartner, der nicht nur sehr belesen sondern auch besonders humorvoll war. 

Peter Michael Lingens zitierte einen der Witze, die Wiesenthal immer wieder erzählte: Treffen sich nach dem Krieg zwei Wiener Juden und unterhalten sich darüber, was aus ihren Freunden geworden ist. Der Blau ist in Afrika und verkauft dort Heizdecken, der Grün ist in Grönland und verkauft dort Eiskästen. Aber was ist aus dem Kohn geworden? Der ist in Wien geblieben, ein echter Abenteurer! Dieser Witz passt exakt zum Leben von Simon Wiesenthal. Er blieb in Wien – against all odds. Lingens formulierte es so: „Er hat diese Stadt, wie so viele ‚zugereiste‘ Juden, ungemein geliebt. Obwohl ihm dort durch gute 25 Jahre vor allem Hass entgegengeschlagen ist. Das ausgehalten zu haben, ist ein großer Verdienst.“

Neben all seinen Leistungen, die ihn zu einem wirklich großen Österreicher gemacht haben, bleibt Simon Wiesenthal in meiner Erinnerung immer auch verknüpft mit dem Tagebuch der Anne Frank. Als Wiesenthal zum ersten Mal hörte, dass es Menschen gibt, die die Echtheit des Tagebuchs von Anne Frank anzweifelten, war für ihn klar, dass er handeln müsse. Tatsächlich gelang es ihm jenen Mann aufzuspüren, der Anne Frank verhaftet hatte. Karl Silberbauer, der nach dem Krieg völlig unbescholten bei der Polizei arbeiten durfte.

Das war nur einer seiner großen Coups. Unter dem Gesichtspunkt der Ausforschung von NS-Verbrechern war das vielleicht ein unbedeutender Erfolg – aber für die Rezeption des Holocaust in Generationen junger Menschen war er von überragender Bedeutung. Wiesenthal meldete sich immer zu Wort, wenn es galt auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen. Umso mehr fehlt seine mahnende Stimme heute. Er verstand sich als Österreicher und stand zu unserem Land wie kaum ein anderer Patriot. Sein Vater Henschel war als jüdischer Soldat für Kaiser und Vaterland gefallen, auch ein wesentlicher Aspekt in Simon Wiesenthals Biographie.