Wien und die Welt | 02. März 2021

Die drei mit dem Stift auf Reisen

von Sabine Bergler
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„Reisen in Zeiten von Corona“ hätte noch vor gut einem Jahr wie ein billiger Abklatsch des Romantitels „Liebe in Zeiten der Cholera“ von Gabriel García Márquez geklungen. Heute blitzt eher die pragmatische Frage auf: „Mit oder ohne Corona-Test?“
 
Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges (genannt PPP), die Protagonisten der Ausstellung „Die drei mit dem Stift“ (Museum am Judenplatz 2019), sind in ihrem Leben viel gereist. Gemeinsam hatten die drei nicht nur ihr außergewöhnliches Zeichentalent, welches sie sehr unterschiedlich einsetzten, sondern auch die Vertreibung aus ihrer Heimatstadt. Diese lebensverändernde und bestimmt überaus verstörende Reise traten sie in jeweils sehr unterschiedlichen Lebensaltern an, und unterschiedlich war wohl auch ihr Wien, wie sie es bis dahin erlebt hatten. Bil Spira zählte bei seiner Flucht bereits 25 Jahre, in Wien verkehrte er in sozialdemokratischen und Kleinkünstlerkreisen, verliebt hatte er sich bereits zweimal: in Paris und in seine spätere Frau Minna. Lily Renée und Paul Peter Porges erhielten beide einen Platz auf einem Kindertransport. Lily Renée war als Einzelkind in einer gutbürgerlichen Familie aufgewachsen und stand damals gerade vor ihrem 18. Geburtstag. PPP hatte mit seiner Familie im Arbeiterbezirk Fünfhaus (heute Rudolfsheim-Fünfhaus) gelebt, wo er viel Zeit in der elterlichen Greißlerei verbrachte hatte. Mit 12 Jahren war er der Jüngste der drei mit dem Stift, die nun, wie viele andere, flüchten mussten.
 
Ansteckende Krankheiten waren für die drei nichts Neues. PPP schrieb über seine Wiener Nachbarschaft: „Die Kinder der Moeringgasse der 1930er-Jahre waren unterernährt und in schlechtem gesundheitlichen Zustand. Epidemien wie Diphterie waren normal“. Eltern, die ihre Kinder zu einem Kindertransport anmeldeten, mussten per Unterschrift bestätigen, dass diese an keiner infektiösen Krankheit litten. Bei ihrer Ankunft wurden die Kinder medizinisch untersucht, und dennoch brach in der Kinderrepublik von La Guette, in die Paul Peter Porges nach dem Kindertransport gemeinsam mit an die 140 anderen Kindern kam, eine Mumps- und Rötelepidemie aus. Aufgrund einer der Zeichnungen, mit denen PPP sein dortiges Leben dokumentierte, können wir annehmen, dass die Kinder geimpft wurden, möglicherweise gegen Pocken – denn weder gegen Röteln noch gegen MumpsMasern gab es zu dieser Zeit einen Impfstoff.
 
Paul Peter Porges
Es ist völlig in Ordnung, ein Schwein zu sein, New York, um 1990
© Jüdisches Museum Wien
 
Lily Renée kam nicht wie PPP nach Frankreich, sondern wie der Großteil der Kinder, die mit Hilfe eines Kindertransports aus Wien flüchten konnten, nach Großbritannien. Sie blieb aber nicht lange bei der Familie, die sie aufgenommen hatte. Bereits 1940 erreichte sie wie ihre Eltern ein Jahr zuvor Ellis Island. Auch dort wurden die Ankommenden stets ärztlichen Untersuchungen unterzogen, neben infektiösen Krankheiten wurde auch ein verstärktes Augenmerk auf psychische Gesundheit oder Schwangerschaft gelegt. Lily Renée hatte schon als Kind eine ausgeprägte Phantasie entwickelt, mittels derer sie sich häufig aus der Tristesse der Kindheitslangeweile geträumt hatte. Diese Fähigkeit nutzte sie wohl auch während dieser schweren Zeiten, als sie sich allein nach Amerika durchschlagen musste. Noch aus dem Jahr 1939 ist eine Zeichnung erhalten, die noch in Wien entstand und einen wohl bekannten Sehnsuchtsort darstellt.
 
Lily Renée
Sehnsuchtsphantasien nach einem Inselleben, Wien, Jänner 1939
© Lily Renée collection
 
Bil Spira konnte nach Frankreich fliehen und fälschte für den US-amerikanischen Fluchthelfer Varian Fry Pässe, mit denen er zahlreichen Menschen das Leben rettete. Er selbst wurde 1941 verraten und überlebte in Folge mehrere Internierungs- und Konzentrationslager. Als er 1945 in Theresienstadt befreit wurde, hatte er es geschafft, einige wenige Zeichnungen, die er während seiner Gefangenschaft angefertigt hatte, bei sich zu bewahren. In den Lagern grassierten aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen Seuchen ebenso wie Parasiten. Die Befreier bekämpften diese rigoros und so wurden die Zeichnungen „aus hygienischen Gründen“ von dem „russische[n] Desinfektionstowarischtsch“ verbrannt, wie Spira in seiner Autobiografie schrieb. Ein Verlust, der ihn bis an sein Lebensende schmerzte. Vermutlich erfuhr er nicht mehr rechtzeitig, dass es einem britischen Kriegsgefangenen gelungen war, einige seiner Zeichnungen – die dieser durch Tausch gegen Zigaretten erhalten hatte – aus dem Lager zu schmuggeln. Heute werden sie in London im Imperial War Museum bewahrt.
 
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Bil Spira
Hans Thimig, Wien 1930er-Jahre
© Jüdisches Museum Wien
 
Betrachtet man das Leben und Werk der drei mit dem Stift retrospektiv, so gerät der Aspekt der Epidemien in den Hintergrund. Zu großartig und viel interessanter waren ihre künstlerischen Leistungen. Paul Peter Porges entwickelte einen Humor, mit dem er sowohl im intellektuellen New Yorker wie im verrückten Mad Magazine oder im Playboy reüssieren konnte. Lily Renée ließ in ihren Comics Superheldinnen gegen die Nazis kämpfen oder sinnierte Geschichten über die Entstehung der Farben, die sie in dem Kinderbuch „Red is the Heart“ erzählte und illustrierte. Bil Spira verzauberte durch seinen gekonnten Einsatz von Leerstellen und Reduktion. Über seine Fähigkeit, mit nur wenigen Strichen einen Menschen unverkennbar festzuhalten, kann man nur staunen.
 
Doch zurück zum Anfang: Cholera stammt ursprünglich aus dem Griechischen. Über das Lateinische gelangte es in romanische Sprachen wie das Spanische, wo sich noch eine zweite Bedeutung findet: Wut oder Zorn. Diese lässt sich auch bei dem im Deutschen bekannten Choleriker ausmachen. Am Ende des Romans von Márquez hisst das Liebespaar die Cholerafahne zum Schein, um sich vor „den Grauen des wirklichen Lebens“ abzuschotten. Die drei mit dem Stift haben in ihrem Leben viel Leid und Unrecht erfahren und hätten sich vermutlich auch gerne gelegentlich vor der grausamen Welt versteckt. Die aktuelle Pandemie erlebt nur mehr Lily Renée, die diesen Mai ihren 100. Geburtstag feiert. Corona findet sich unter anderem im Spanischen und im Italienischen als unbelastetes Wort, es bedeutet lediglich Kranz oder Krone. Unsere Ausstellung findet jedenfalls trotz des Corona-Virus eine krönende Fortsetzung in New York, denn sie darf (ganz ohne Test) auf Reisen gehen und wird ab dem 11. März 2021 im Österreichischen Kulturforum zu sehen sein.
 
Die Ausstellung „Three with a pen“ ist im Austrian Cultural Forum von 11. März bis 3. September 2021 zu sehen.
 
Titelbild:
Paul Peter Porges
Impfung in der Kinderrepublik La Guette, Sommer 1939
© Jüdisches Museum Wien