Nahaufnahme | 16. März 2021

Zurück in die Zukunft

von Hannah Landsmann
© Titelbild © JMW

Der 1867 in Neutra geborene Ignaz Schwarz studierte in Wien zwölf Semester Medizin und schloss das Studium 1907 in Würzburg ab. Schon während seiner Studienzeit verfasste der historisch Interessierte Texte zur Geschichte der Medizin und Pharmakologie. Er arbeitete zunächst nebenbei in einer Wiener Kunst- und Literaturhandlung, deren Miteigentümer er 1909 wurde. Das Unternehmen war auf medizinische sowie historische Forschung zur Stadt Wien spezialisiert und genoss einen ausgezeichneten Ruf. Nach Ignaz‘ Tod 1925 übernahm seine Frau Margarethe das Geschäft, die 1875 Geborene wurde 1941 nach Minsk deportiert und ermordet. Der Sohn der beiden, Kurt Schwarz, erstritt nach dem Krieg eine Entschädigung für das arisierte Unternehmen.

 
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Dieser Plan zeigt das mittelalterliche jüdische Viertel, das kein Ghetto war. Sein Zentrum war der Schulhof, welcher nicht mit der heutigen Adresse „Schulhof“, ein paar Meter von dieser Adresse entfernt, ident ist. Die jiddische Bezeichnung „Schul“ meint eine Synagoge, welche im Mittelalter das Zentrum des Interesses und auch der Ort der Gerichtsbarkeit war. Innerjüdische Konflikte wurde in der Synagoge verhandelt, Streitigkeiten zwischen der jüdischen Minderheit und der christlichen Mehrheit wurden vor dem Gotteshaus verhandelt. Die heutige Wipplingerstraße im Norden war eine wichtige Handels- und Durchzugsstraße, der Babenberger Hof hatte seinen Standort am südwestlichen Rand des jüdischen Viertels – zentraler geht es fast nicht.
 
Im Inventar des Jüdischen Museums Wien ist Ignaz Schwarz ebenfalls verzeichnet und zwar als „Curator“ des alten, 1895 gegründeten jüdischen Museums. Der „Plan des Judenviertels zur Zeit der Aufhebung im Jahr 1421“ erschien in loser Form und in seinem Buch „Die Geschichte der Juden: Von ihrem ersten Auftreten bis zum Jahr 1625“. Laut Inventarbuch des alten jüdischen Museums gingen 1913 mehrere Dokumente aus der Hand von Ignaz Schwarz an unsere Vorgängerinstitution mit Standort in der Malzgasse 16.
 
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Die Malzgasse ist auf diesem Plan noch nicht verzeichnet. Er zeigt die Lage der „Judenstadt im Unteren Werd zur Zeit der Aufhebung im Jahr 1670“ und wurde 1921 von Ignaz Schwarz dem alten jüdischen Museum übergeben. Auf der Vorderseite ist es mit den Worten „Original für mein Buch ‚Das Wiener Ghetto‘ signiert. Der Standort der „Neuen Synagoge“ ist heute die Adresse der Leopoldskirche, welche nach der Auflösung des Ghettos und Zerstörung der Synagoge auf ihren Grundmauern errichtet worden war. Oberhalb des Eingangsportals befindet sich eine Tafel, welche in lateinischer Sprache darüber Auskunft gibt, dass die „synagoga perversa“ in eine „ecclesia“ umgewandelt worden sei. Das Leben in einem eigenen Bereich hatte für die Jüdinnen und Juden nicht nur Nachteile, durfte doch die Synagoge so groß (und so schön) sein, wie sie es eben war. Im mittelalterlichen jüdischen Viertel durfte sie nicht höher, größer oder schöner als christliche Häuser sein. Jom Tow Lipmann Heller, ein anerkannter Halachist („Religionsgesetzler“) war von 1625 bis 1627 Rabbiner im Ghetto und pries die Stadt Wien, welche durch Weisheit, Reichtum und Ehre ausgezeichnet sei und deren Kaiser, „unser Herr ihnen (den Juden und Jüdinnen) einen besonderen Ort angewiesen und ihnen eine prächtige Synagoge und andrer Häuser für Gemeindezwecke zu erbauen gestattet“ habe. Die „neue“ Synagoge ist schon das zweite Gotteshaus, welches bestimmt nicht minder prächtig ausgefallen war.
 
Die neue Dauerausstellung „Unser Mittelalter! Die erste jüdische Gemeinde in Wien“ im Museum Judenplatz informiert Besucherinnen und Besucher seit dem 15. März 2021 über zahlreiche interessante Aspekte der frühen Wiener jüdischen Geschichte und schließt endlich eine Lücke. Nach der Verbrennung von über 200 Jüdinnen und Juden auf einem Scheiterhaufen auf der Erdberger Gänseweide im März 1421 dauerte es keineswegs bis ins Jahr 1624/25 – die Etablierung des Ghettos im Unteren Werd – bis wieder von der Anwesenheit jüdischer Familien in „Unserer Stadt!“ die Rede ist. Neue Forschungsergebnisse und vor allem das Wissen der Archäologinnen und Archäologen sind in dieser Ausstellung zum Beispiel als Audiotexte abrufbar und mit Hilfe modernster Technologie wird der Raum der Synagoge erlebbar. Wie es ausgesehen haben könnte, erfährt man über einen Screen und an 16 eigens gekennzeichneten Punkten sind Zusatzinformationen via Bild- und Textmaterial im Multimediaguide abrufbar. Dieser Multimediaguide begleitet Sie anhand von 18 Stationen in der Wiener Innenstadt zum Haupthaus des Jüdischen Museums Wien in der Dorotheergasse, wo Sie Ihren Spaziergang durch Zeit und Raum fortsetzen können – von der Vergangenheit direkt in die Gegenwart. Oder zurück in die Zukunft.