Nachruf | 28. Dezember 2020

Kitty Sinai (1924-2020)

von Danielle Spera
©
2020 haben uns leider viele wunderbare Menschen, die gleichzeitig wertvolle Zeitzeugen waren, verlassen. Wir mussten uns auch von Kitty Sinai, geb. Lövy (1924-2020), verabschieden, die als junges Mädchen den „Anschluss“ und die Novemberpogrome in Wien erlebt hatte und zur Zwangsarbeit verschleppt wurde. Wie durch ein Wunder überlebten sie und auch ihre Eltern. Nach dem Krieg lernte die sportliche junge Frau bei der Hakoah ihren künftigen Mann Erich Sinai kennen. Die erfolgreiche Modezeichnerin und der Bekleidungsfabrikant und Sportfunktionär (Erich Sinai war mehr als 30 Jahre Präsident der Hakoah) bekamen zwei Söhne und waren 62 Jahre verheiratet, bis Erich Sinai 2012 starb. Kitty Sinai setzte sich unermüdlich für Dialog und Verständigung ein.
 
2016 hat Kitty Sinai für die Ausstellung „Wiener Synagogen. Ein Memory“ dem Jüdischen Museum Wien ihre Erlebnisse des Novemberpogroms erzählt: „Eines Tages – es war der neunte November - kommt die Mutti zu mir in den Schneidersalon, wo ich gelernt habe und sagt aufgeregt: ‚Du, komm, pack dich zusammen. Du musst mit mir nach Hause gehen, allein lasse ich Dich heute nicht. Es geht furchtbar zu in Wien!“. An diesem Tag ist sie mit mir gegangen. Wir sind von der Rotensterngasse zur Praterstraße und hinunter zum Nestroyplatz gegangen und da haben wir schon gesehen, dass es in der Tempelgasse brennt! Und wir haben auch gesehen, wie die Leute da alle herumstehen und johlen und eine Hetz war das, eine große Hetz. Die Feuerwehr hat gerade gespritzt, aber nur die anderen Häuser, nicht die Synagoge. Die hat lichterloh gebrannt. Ich war Zeuge, wie die Synagoge in der Tempelgasse abgebrannt ist. Wir sind dann weitergegangen. Da wir nicht jüdisch ausgeschaut haben, konnten wir es riskieren. Die Mutti hat mich quasi durch die Stadt gezerrt, da ist es furchtbar zugegangen, die Auslagen waren eingeschlagen, Glasscherben waren überall und die Leute haben gejohlt. Die SA ist in der Uniform herumgelaufen und für die, die die Geschäfte zerschlagen haben, war es eine große Hetz. Wir sind dann über lauter Glas gegangen – deswegen hieß das dann Kristallnacht. Es war furchtbar, ich werde das nicht vergessen.“
 
Nun hat uns Kitty Sinai für immer verlassen. Bei ihrer Beerdigung hat ihr Sohn Ronni folgendes über sie gesagt: „Sie hat viele Sätze mit „hoffentlich...“  und einem sorgenvollen Gesichtsausdruck begonnen, zum Beispiel: „hoffentlich verregnet es dir den Ausflug morgen nicht“. Wenn ich ihr aber zuvorkommen wollte und sagte: „Morgen haben sie schönes Wetter angesagt“, bekam ich als Antwort ein „Na, verschrei es nicht“ zu hören. Im Gegensatz dazu stand ihre positive Lebenseinstellung und ihr Humor. Wenn man ihr zum Geburtstag nach jüdischer Tradition „…bis 120“ wünschte, kam postwendend zurück. „Geh wer braucht denn das...“.
 
Trotz oder vielleicht wegen all ihrer Erlebnisse – war ihr bis zum Schluss der humorvolle und vor allem positive Blick auf das Leben und die Welt wichtig. Dies soll uns als Vorbild dienen, besonders in dieser herausfordernden Zeit.