Nachruf | 17. November 2020

Helga Pollak-Kinsky (1930-2020)

von Danielle Spera
©

Das Jüdische Museum Wien trauert um Helga Pollak-Kinsky (1930–2020). Helga Pollak wurde am 28. Mai 1930 als Tochter von Frieda (geb. Meiseles) und Otto Pollak geboren. Die Familie Pollak stammte ursprünglich aus Tschechien und betrieb einen Handel mit Waren aller Art. Helgas Vater Otto meldete sich freiwillig als Soldat im Ersten Weltkrieg. Für seine Tapferkeit wurde Otto Pollak mehrfach ausgezeichnet. Eine schwere Verwundung führte nicht nur zu einem Ende seines Militäreinsatzes, sondern auch zu einer körperlichen Zäsur. Sein linkes Bein musste amputiert werden.
 
Ab 1919 führte er gemeinsam mit seinem Bruder das Café Palmhof in der Mariahilferstrasse 135 im 15. Bezirk. Untertags wurde es als Café geführt, abends wurde es zum Konzertsaal, zum Jazzclub und zum Tanzlokal. Es bot 350 Gästen Platz und wurde durch seine innovative Programmierung berühmt. Im März 1938 wurde das Café Palmhof „arisiert“ und einem früheren Kellner übertragen. Die gesamte Familie Pollak wurde nach Theresienstadt und in andere Lager deportiert, Karl und viele andere Familienmitglieder wurden ermordet. Helga Pollak wurde von ihrem Vater getrennt und kam in das „Mädchenheim“. In ihrem Tagebuch beschrieb sie den Alltag, den Hunger, die Not, Krankheit und ihre Deportation im Oktober 1944 nach Auschwitz, dann in ein Außenlager des KZ Flossenbürg, wo sie zur Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik verpflichtet wurde. Ende April 1945 wurde sie erneut nach Theresienstadt gebracht, wo sie ihren Vater wieder traf. Gemeinsam erlebten sie die Befreiung.
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg übersiedelte Helga Pollak zu ihrer Mutter nach Großbritannien (Otto und seine Frau wurden noch vor dem Zweiten Weltkrieg geschieden). Otto Pollak bekam sein Wohnhaus und das Café zurück, doch er war ein gebrochener Mann. Trotz vieler Bitten, das Palmhof wieder aufleben zu lassen, und seines weit über den Bezirk hinausreichenden Ansehens, konnte Otto Pollak nicht an sein früheres Leben anknüpfen. Der Verlust seiner Familie und seine Erlebnisse im Konzentrationslager ließen das nicht zu. Er verpachtete sein Lokal an eine Lederfabrik; heute befindet sich an der Stelle des legendären Cafés ein Supermarkt der Kette Penny.
 
Otto Pollaks Tochter Helga heiratete und begleitete ihren Mann an die verschiedensten Stationen seines Berufslebens, wie etwa nach Thailand oder Äthiopien. Letztendlich landeten sie in Wien, wo Helga Kinsky sich unermüdlich als Zeitzeugin betätigte.
 
2020 zeigte das Jüdische Museum die Ausstellung „Wir bitten zum Tanz“, wo wir das Café Palmhof wieder ins kollektive Bewusstsein der Stadt rückten. Diese Ausstellung (nach einer Idee von Theresa Eckstein) wäre ohne das Engagement von Helga Pollak-Kinsky und die vielen Objekte der Familie nicht zustande gekommen. Helga Pollak hielt bei der Eröffnung der Ausstellung eine berührende Rede, in der sie auch den sozialen Einsatz ihres Vaters würdigte:
 
„Mein Vater hat die erste silberne Tapferkeitsmedaille nicht bekommen, weil er eine kämpferische Heldentat gemacht hat, sondern er wurde als Rekonvaleszent nach Wien geschickt und er hat während dieser Zeit – es war knapp vor Weihnachten – einen ganzen Zug mit Geschenken und Briefen an die Front organisiert. Dafür hat er die erste silberne Tapferkeitsmedaille bekommen. Er war ein sehr großzügiger Mann. Und er hatte auch eine sehr schöne Baritonstimme und hat öfters – wenn aufgefordert – im Kaffeehaus auch Arien gesungen. Ich habe meinen Vater gefragt, wer seine besten Kunden waren, er sagte, die Prostituierten, die haben mit den Herren immer eine Flasche Sekt bestellt, die schlechtesten Kunden waren jene, die bei einem kleinen Café stundenlang gesessen sind und alle deutschen Zeitungen gelesen haben. Er war ein wunderbarer Vater, besonders in Theresienstadt. Wir waren wie zwei Kameraden. Ich bin traurig, dass mein Vater die Ausstellung nicht sieht“.
 
Im Mai durften wir in der Ausstellung, die ihr so viel Freude bereitet hatte, in einer kleinen Zeremonie den 90. Geburtstag von Helga feiern. Wir sind dankbar und glücklich, dass Helga Pollak ihre Erinnerungen an das Café Palmhof mit uns geteilt hat und auch über ihr Tagebuch aus Theresienstadt und Auschwitz, das ein wesentliches Zeitzeugnis darstellt. Ihr liebevolles, wunderbares Wesen und ihre offene, humorvolle und elegante Art werden uns unendlich fehlen.