Nahaufnahme | 07. April 2021

Unterwegs in "Unserer Stadt!" - Währing

von Hannah Landsmann
© JMW
Seit 1892 bilden die eingemeindeten Vororte Währing, Weinhaus, Gersthof, Pötzleinsdorf, Neustift am Walde und Salmannsdorf den Bezirk Währing. Es handelte sich schon damals um ein beliebtes Wohngebiet und nicht wenige Prominente hatten und haben hier ein Anwesen – fürs Wochenende oder für die Sommerfrische in der Stadt. Auf Initiative von Heinrich von Ferstel wurde bereits 1872 der „Cottageverein“ gegründet, der Baugründe für ein- bis zwei geschossige Häuser verkaufte, die ihren Nachbarn weder Licht, noch Luft oder Aussicht nehmen sollten. Arthur Schnitzler lebte mit seiner Familie in der Sternwartestraße 71, Theodor Herzls letzte Wiener Adresse war die Haizingergasse 29. Mit 5.061 gemeldeten jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern im Jahr 1934 ist der jüdische Bevölkerungsanteil vergleichsweise klein. Dass Jüdinnen und Juden, damals wie heute, auch in Mietwohnungen und Gemeindebauten lebten, versteht sich von selbst.

Synagoge Jakob Modern:
© Jüdisches Museum Wien
Synagoge - nicht gebaut:
© Jüdisches Museum Wien

Für die Synagoge in der Wienerstraße, die seit 18. Juli 1894 Schopenhauerstraße heißt, liegen zwei Entwürfe vor. Der von Jakob Modern geplante und 1889 fertig gestellte Bau weist innen eine orientalische Note und außen gotische Elemente auf. Das Gotteshaus bot Platz für 116 Frauen und 328 Männer. Über das zweite Projekt ist weiter nichts bekannt als das Datum der Einreichung, 1888, und das ausführende Büro, Ludwig Schöne, der aus Leipzig stammte und zu den meist beschäftigten Architekten der Ringstraßenzeit zählte.

Grundriss Orgel:
© Jüdisches Museum Wien
In der kleinen Gemeinde gab es orthodoxe und liberale Ansichten, was auch an einem Orgelbauvorhaben abzulesen ist. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam in vielen Synagogen die Frage auf, ob nicht eine Orgel – die Königin der Instrumente – zum Einsatz kommen sollte, um einerseits den Gemeindegesang zu begleiten oder ordnen zu können und andererseits, dies vielleicht vor allem, die Zugewandtheit zur Moderne hör- und sichtbar zu machen. Die berühmte und heute noch aktive Orgelbaufirma Rieger in Vorarlberg wurde mit der Planung beauftragt. Allein die Zeichnung von Grundriss und Prospekt vom 1. August 1889 war aufwendig und teuer, dabei vergeblich, denn im 18. Bezirk setzte sich die Orthodoxie gegen den Einbau einer Orgel durch.

1881, noch vor der Errichtung der Synagoge, wurde ein Tora-Vorhang (hebr. Parochet) angefertigt, welcher für die Vermählung von Kronzprinz Rudolf mit Prinzessin Stephanie von Belgien gestiftet und im Bethaus des Bezirks in Verwendung war. Ein Parochet hängt vor dem Aron Hakodesch, der „heilige Schrank“, in dem sich die Tora-Rollen befinden, wenn nicht aus ihnen gelesen wird. Interessant ist, dass die Widmungsinschrift auch in deutscher Sprache ausgeführt ist. „Zur Vermählungsfeier des Kronprinzen Erzherzog Rudolf mit der Prinzessin Stephanie. Von den Frauen Währings." Die technischen Angaben im Museumsinventar informieren über Material, Größe und Zustand. Verarbeitet wurde Seidensamt, Flitter, Silberfolie, Bouillonfäden, Goldborte sowie braun-violetter Chintz. Das 223 x 135 cm große Textil wurde 1995 restauriert. Mit den Frauen Währings ist wahrscheinlich der Frauen Wohltätigkeitsverein Währing mit Sitz in der Schopenhauerstraße 39 gemeint.
Dass Religion und Patriotismus oder Loyalität einander nicht im Weg stehen müssen, lässt sich auf vielen Objekten in der Sammlung des Jüdischen Museums Wien zeigen. Neben den kunsthistorisch interessanten Details drücken alle ein tiefes Gefühl von Zugehörigkeit aus – zum Kaiserhaus, zur Monarchie, zur Heimat, um die man spätestens seit dem Frühling 1938 betrogen worden war. Franz Modern, der Enkel des Architekten der Synagoge in der Schopenhauerstraße 39, war Arzt und flüchtete mit seiner Frau nach Shanghai, wo 1941 seine Tochter Elisabeth zur Welt kam. Dr. Modern wollte alles richtigmachen und meldete Elisabeths Geburt nicht nur der jüdischen Gemeinde, sondern auch beim deutschen Konsulat. Da Elisabeth unmöglich ein jüdischer Name sein kann, hieß sie auf dem Papier Rachel. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Parochet:
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Tahara Haus:
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Noch vor der Errichtung der Synagoge in Währing gab es den jüdischen Friedhof in der heutigen Schrottenbachgasse 3. Von 1784 an war hier lange die Hauptbeerdigungsstätte der Israelitischen Kultusgemeinde. Bis 1911 fanden Beerdigungen statt, die Grabsteine weisen neben hebräischen auch deutsche Inschriften auf. Während der Nazi-Zeit kam es zu insgesamt drei Exhumierungen. Nicht alle sterblichen Überreste wurden auf dem Zentralfriedhof zu ihrer hoffentlich wirklich letzten Ruhe beerdigt.
Das dem Architekten Josef Kornhäusl zugeschriebene Tahara-Haus umfasste Räume, die für die zu Begrabenden vorgesehen waren, ein „Wachtzimmer", ein „Waschzimmer" sowie einen Raum für den „Ausstellungs-Platz während der Leichenrede", der von außen einsehbar war, als auch eine kleine Wohnung für den Friedhofangestellten. Der Plan ist sowohl von einem Organ der Stadtbaumeisterei als auch von Vertretern der Wiener Judenschaft (Isak Löw Hofmann, Michael Lazar Biedermann und Leopold Wertheimstein) unterschrieben. 2012 wurde das Gebäude einer Sanierung unterzogen und um einen Betraum erweitert.

Weil man nur sieht, was man kennt, darf hier der Hinweis auf das 1873 eröffnete Rothschild-Spital nicht fehlen. Der von Wilhelm Stiassny errichtete Bau am Währinger Gürtel 97 wurde 1960 abgerissen. Das 1963 fertig gestellte neue Gebäude beherbergt Büros des Wirtschaftsförderungsinstituts, (erst) seit 2012 erinnert eine Tafel an die jüdische Geschichte dieser Adresse.

Rothschildspital:
© Jüdisches Museum Wien
OT Schopenhauerstraße, 1180:
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Apropos Gemeindebau: Wie Vergangenes wieder eine Gegenwart bekommen kann, macht das Projekt OT deutlich, eine Initiative des Jüdischen Museums Wien, an 25 ehemaligen Synagogen-Adressen, wie jene in der Schopenhauerstraße 39, die nicht mehr erzählte Geschichte zu beleuchten. Man kann es eigentlich nicht nicht sehen.