Ganz persönlich | 09. Oktober 2015

Wie geht gedenken?

von Hannah Landsmann
© Sebastian Gansrigler
Ein beliebtes Vermittlungsprogramm für VolksschülerInnen heißt „BEST CROWN IN TOWN“. Es geht um die Tora und ihren prächtigen Schmuck und wie die jeweiligen Begriffe in hebräischer Sprache heißen. Erstaunlich, wie schnell die jungen BesucherInnen Meil (Mantel), Keter (Krone), Tas (Schild), Rimmonim (Aufsätze bzw. Granatäpfel) und Jad (Tora-Zeiger bzw. Hand) sagen können. Da vor der großen Vitrine im Erdgeschoß alle diese Objekte ausgestellt sind, beginnt unsere Tour immer hier. Man steht vor einer kleinen Auswahl an Objekten aus der umfangreichen Sammlung von Max Berger, der sammelte um zu erinnern – an seinen Vater, seine Mutter, seine Schwester und seine Brüder, die in Auschwitz und Treblinka ermordet worden waren.
 
Im 2. Stock gibt es ebenfalls einen Bereich, wo Tora-Schmuck ausgestellt ist. Es handelt sich um Objekte, die sowohl im Stadttempel als auch im Dempfingerhof und in der Synagoge zum Weißen Stern verwendet wurden, die beiden Vorgänger Institutionen des Stadttempels, der 1826 eingeweiht wurde. Diese Synagoge wurde im November 1938 nicht angezündet. Nicht, weil sie die Nazis womöglich nicht gesehen hätten, ist sie doch hinter den Mauern eines Wohnhauses versteckt. Der Synagogeninnenraum wurde verwüstet, das Gebäude blieb unversehrt, da sich in seinem Inneren wie heute auch die gesamte Administration der Jüdischen Gemeinde befindet.
 
Oft geht dem Workshop im Jüdischen Museum ein Besuch des Stadttempels voraus, bei dem die historischen Dimensionen auch für junge BesucherInnen Thema sind. Die Verbindungen zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit werden auf diese Weise direkt erlebbar.
 
Nach dem Mini-Hebräisch Kurs im Erdgeschoß und der Reise in den zweiten Stock geht’s in unser begehbares Depot. Eine überwältigende Anzahl an Kronen, Schilden, Zeigern, Aufsätzen und Textilien erwartet die BesucherInnen hier neben anderen Objekten zu den jüdischen Feiertagen wie Chanukka-Leuchter, Seder-Teller, Kiddusch-Becher und Besamim-Dosen. Dazu kommen Objekte, die weite Reisen hinter sich haben. Sie stammen aus den Ländern der Monarchie, aus Buchara, den USA oder Israel. Für die SchülerInnen liegen Fotos bereit, auf denen eine Krone, ein Mantel, ein Paar Rimmonim, ein Tora-Schild und ein Tora-Zeiger zusehen sind. Genau diese sollen in der Vitrine gefunden werden.
 
© wulz.cc

Und jetzt wird’s spannend: Jede Gruppe denkt sich für „ihr“ Objekt eine Geschichte aus. Ein bisschen wie „Nachts im Museum“: Oft brechen die Objekte aus und suchen, während das Museum geschlossen hat, in der Stadt nach ihren Synagogen, nach ihrem Zuhause. Sie können es nicht finden, beim besten Willen nicht. So beschließen sie, einfach ins Museum zurückzukommen, denn wenn das Museum und die Leute, die hier arbeiten die Geschichten der Dinge kennen, ist das schon mal gar nicht schlecht, denn dann ist das Museum eine Art zweites Zuhause.
 
In einem Teil der Vitrine befindet sich Tora-Schmuck, der nicht glänzt, sondern ganz schwarz ist. Verbrannt. Am 10. November 1938 um 12 Uhr 35 war die Synagoge in Schopenhauerstraße 39, der Währinger Tempel, abgebrannt. Diese Objekte konnten nicht vor dem Feuer geborgen werden. „Warum denn das Museum diese schwarzen Gegenstände nicht putzt? Warum man das nicht restauriert?“ Niemand antwortet. „Das ist doch nicht in Ordnung, etwas Kaputtes auszustellen? Immerhin zahlen die BesucherInnen doch Eintritt, da kann man schon erwarten, dass alles passt und nichts Kaputtes in der Vitrine steht, oder?“ Ein 10 jähriges Mädchen darauf: „Nein, ihr dürft das nicht reparieren, ihr würdet sonst eine falsche Geschichte erzählen …“