Nahaufnahme | 01. November 2021

„Morgen wird heute und heute wird gestern.“

von Sabine Apostolo
© Privatbesitz Ruth Rix
Am 1. November vor hundert Jahren wurden die Zwillinge Helga und Ilse Aichinger in Wien geboren. 17 Jahre später mussten sie sich trennen, da sie – zumindest zur Hälfte – „die falschen Großeltern“ hatten, wie Ilse Aichinger später in ihrem ersten und einzigen Roman Die größere Hoffnung schrieb. Helga, die Zweitgeborene der beiden Zwillinge, verließ Wien im Juli 1939 mit einem der letzten Kindertransporte. Ilse, die sich nicht von ihrer Mutter Berta trennen wollte, blieb in der immer gefährlicher werdenden Heimat. Bereits beim ersten Zwischenaufenthalt des Kindertransports schrieb Helga eine Postkarte an die Familie: „Wir sitzen hier nach 17 stündiger Bahnfahrt in Köln im Wartesaal und warten auf den anderen Transport, der jetzt nachdem wir schon 1 ½ Stunden mindestens hier sitzen in ungefähr 1er Stunde kommen muß. Herta und ich haben uns schon den Kölner Dom angeschaut. Er ist sehr schön.“ Kirchen und im Besonderen der Stephansdom haben für die Familie Aichinger in dieser Zeit einen besonderen Stellenwert. Immer wieder wurden diese als Chiffren in der Familienkorrespondenz verwendet. Sie verweisen auf gemeinsam Erlebtes, wie die „Rosenkranzandacht“ im Stephansdom am 7. Oktober 1938. Damals lehnte sich Kardinal Theodor Innitzer in seiner Predigt gegen den Nationalsozialismus auf, was eine spontane Demonstration gegen die Nationalsozialisten zur Folge hatte, die von der Gestapo aufgelöst wurde. In nächster Konsequenz stürmte die Hitlerjugend am folgenden Tag das erzbischöfliche Palais. Dort war eine Hilfsstelle für „nichtarische Katholiken“ eingerichtet. Dies war einer der Orte, wo Ilse Aichinger während des Krieges Unterstützung fand. In ihren Werken wie in den Briefen finden sich in verschlüsselter Form sowohl die „Donnerstagskinder“ – eine von Pater Born geleitete Jugendgruppe, die der Erzbischöflichen Hilfsstelle unterstand – als auch die „Seegasse“, in der die Schwedische Israelmission ihren Sitz hatte.  

Die Schwedische Israelmission, die ursprünglich mit dem Ziel gegründet war, Juden und Jüdinnen zum Protestantismus zu bekehren, leistete im Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit Unterstützung für die hungernde Bevölkerung. Ab 1933 halfen sie Juden und Jüdinnen, aus dem „Deutschen Reich“ zu fliehen, ab 1938 aus dem ehemaligen Österreich. Nachdem im Dezember desselben Jahres die ersten Kindertransporte nach Großbritannien abgefahren waren, schickten auch sie an die 100 unbegleitete Minderjährige nach Schweden. 1941 wurde die Schwedische Israelmission von den Nationalsozialisten geschlossen und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gingen nach Schweden zurück. Ilse Aichinger erlebte dies als feigen Verrat. Für sie und ihre Mutter wurde es nun immer gefährlicher in Wien. Ilse – die als „Mischling“ galt – gelang es, ihre Mutter bis zum Kriegsende zu schützen. Die Deportation der Großmutter Gisela und derer beiden Kinder Erna und Felix Kremer am 6. Mai 1942 konnte sie nicht verhindern. Keiner von ihnen überlebte.   
Währenddessen versuchte Helga, sich in England zurecht zu finden. Ein Anker war ihre Tante Klara Kremer, die seit Anfang des Jahres in Großbritannien war und bereits beim Arrangement des Kindertransports geholfen hatte. Weiteren Halt fand sie bei der österreichisch-kommunistischen Jugendgruppe Young Austria, wo sie ihren zukünftigen Mann Walter Singer kennenlernte. Noch während des Krieges heirateten die beiden und bekamen ein Kind, ließen sich aber nach dem Krieg scheiden. Vermutlich auch über Young Austria und das übergeordnete Free Austrian Movement befreundete Helga sich mit Veza und Elias Canetti, Erich Fried, Anna Mahler oder Hilde Spiel.

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© Privatbesitz Ruth Rix
Weder Ilse und Berta noch Helga konnten ausreichend über den Verlauf ihrer nun getrennten Leben berichten. Mit Kriegsausbruch wurde selbst die Möglichkeit der brieflichen Korrespondenz zerstört. Es blieb lediglich das Schreiben von Rot-Kreuz-Briefen, deren Inhalt auf 25 Wörter beschränkt und für alle sichtbar war. Während die Geburt Helgas Tochter darin Eingang fand, konnte die Deportation von Großmutter, Tante und Onkel nur durch das Weglassen der Namen verdeutlicht werden.
Mehr als acht Jahren war es den Zwillingsschwestern verwehrt, sich zu sehen. Erst 1948 kommt es zum ersten Zusammentreffen der überlebenden Familienmitglieder in England. Während Ilse bereits einige Erfolge als Schriftstellerin verzeichnete, begann Helga erst in den 1960er-Jahren, sich entschlossen künstlerisch zu betätigen. Sie zeichnete, arbeitete im Druckverfahren und schrieb Gedichte – allerdings auf Englisch. Ihre Arbeiten veröffentlichte sie unter dem Namen Helga Michie, da sie 1958 eine kurze Ehe mit Donald Michie eingegangen war. Das Thema der Trennung verarbeiteten beide Zwillinge wiederholt.

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© Privatbesitz Ruth Rix
Sehr deutlich wird dies zum Beispiel in der Arbeit Concord von Helga Michie, in der sich zwei kleine Gestalten fast gespiegelt gegenüberstehen. Während die eine allein ist, hat die andere noch eine größere Figur zur Seite. Ist es die Mutter, die von Ilse beschützt wurde, oder die Tante, die Helga in England zur Seite stand? Interpretiert man die zwei gestreiften Rechtecke als österreichische Fahnen, so ist es Ilse, die allein steht. Ähnlich wie im fiktiven Setting von Die größere Hoffnung, in der sich die Hauptfigur Ellen allein durchschlagen muss, vor allem nachdem sich ihre einzige Bezugsperson, die Großmutter, aus Angst vor der Deportation vergiftet. Aus diesem Roman stammt auch das titelgebende Zitat: Für Ellen ist das Verfliegen der Zeit eine tödliche Angelegenheit, denn je weiter die Kriegsjahre fortschreiten, desto gefährlicher wird ihre Lage als verfolgtes Kind, denn sie gehört zu den „Kinder[n] mit falschen Großeltern, [zu den] Kinder[n] ohne Paß und ohne Visum, [zu den] Kinder[n], für die niemand mehr bürgen konnte.“

Diese Kinder sind die Kinder der Kindertransporte und die Kinder, die zurückblieben und oft nicht überlebten. Jene, die rechtzeitig fliehen konnten sind heute selbst im Alter von Großeltern. Für sie ist morgen heute geworden und heute gestern. Doch Kinder mit falschen Großeltern und ohne Pass hätte es nie geben dürfen. Denn es gibt keine falschen Großeltern, und Kinder ohne Pass darf es nicht geben, nicht heute und nicht morgen.
 
Ab 10. November 2021 können Sie die Geschichte der Aichinger-Zwillinge und viele weitere in unserer Ausstellung über Kindertransporte im Museum Judenplatz sehen: Jugend ohne Heimat. Kindertransporte aus Wien.
 
Verwendete Literatur:
Ilse Aichinger: Die größere Hoffnung, Fischer, Frankfurt am Main 1991.
Susanna Brogi: Kommunikative Überlebensstrategien im Exil. Der Briefwechsel von Helga Michie und Ilse Aichinger, in: Hiltrud Häntzschel, Sylvia Asmus, Germaine Goetzinger, Inge Hansen-Schaberg (Hg.): Auf unsicherem Terrain. Briefeschreiben im Exil, edition text + kritik, München 2013.
Christine Ivanovic (Hg.): I Am Beginning to Want What I Am. Helga Michie. Werke/works 1968-1985, Schlebrügge, Wien 2018.
Christine Ivanovic: Aus der Geschichte der Trennungen. Die Zwillinge Ilse und Helga Aichinger, in: Sabine Apostolo (Hg.): Jugend ohne Heimat. Kindertransporte aus Wien. Jüdisches Museum Wien 2021.