03. Juli 2026
Unter der Lupe

Hochzeiten, Nähmaschinenfabrikanten und Theaterbrände

von Sabine Apostolo
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In den letzten drei Jahren wurde dank einer Förderung ein bedeutender Teil des Textilbestandes des Jüdischen Museum Wiens digitalisiert und beforscht. Ausgewählte Stücke konnten überdies restauriert werden. In diesem Textilbestand – der insgesamt über 1000 Stück umfasst – ist viel Wiener (jüdische) Geschichte eingeschrieben: So erzählen die Objekte unter anderem von Frauenvereinen, die im Andenken an das unglückliche Kronprinzenpaar Rudolf und Stephanie stifteten; von Frauen, die im Kindbettfieber starben; von der Wiener Toynbee-Halle, die die erste jüdische weltweit war oder von einem Wiener Regisseur in Hollywood. Geschichten wie diese können nun in der Online Collection des Museums entdeckt werden:
 
 
Die Textilobjekte stammen zum Großteil aus Wiener Synagogen, wo sie als Tora-Vorhänge, Tora-Mäntel, Tora-Binder oder Pultdecken zum Einsatz kamen. Tora-Textilien werden traditionellerweise von Mitgliedern der Gemeinde – in vielen Fällen von Frauen – für das Gotteshaus gestiftet. Häufig weisen die Inschriften der Textilien die Namen der Stifter:innen auf, immer wieder auch zusätzliche Lebensdaten. Im Zuge des geförderten Projekts, für das knapp 400 Textilien ausgewählt wurden, konnten biografische Bezüge zu über 100 Personen bzw. Familien identifiziert werden. 
 
So konnte unter anderem die tragische Entstehungsgeschichte eines Tora-Vorhangs (Parochet) recherchiert werden, der von Regine Dessauer im Andenken an ihren Sohn und ihre Schwiegertochter, Emil und Ida Dessauer, gestiftet wurde. Der Parochet ist zugleich Zeuge der Brandkatastrophe der Komischen Oper in Paris 1887. In Wien erinnerte dieses Ereignis viele an den Brand des Ringtheaters. Bei beiden Bränden gab es eine enorme Anzahl an Toten, die grausam im Theater verbrannten. In Paris fanden sich unter den Opfern die zwei Wiener Emil und Ida Dessauer. Das Paar hinterließ drei Kinder im Alter von ein bis fünf Jahren. 
Die damaligen Zeitungen berichteten, dass diese so verhängnisvolle Reise ein lang ersehnter und mehrmals verschobener Kurzurlaub war. Die deutschsprachige Inschrift des Tora-Vorhangs, der bis auf die Datumsangabe die traditionell hebräische Inschrift vollkommen ersetzt, ist eine Seltenheit und zeugt von der starken Assimilation der Familie.

Todesfälle waren häufig Anlass für die Stiftung eines Kultobjekts. So sollte das Andenken an eine geliebte Person sichergestellt werden. Doch auch Geburten, Bar-Mizwa-Feiern oder Hochzeiten waren beliebte Ereignisse, die in Widmungsinschriften festgehalten wurden. Während manche Familien nur ein Stück spendeten, stifteten andere ganze Sets oder wiederholt zu unterschiedlichen Anlässen. So z.B. das Ehepaar Regine (Rivka) und Leopold (Jom Tov) Trebitsch. Leopold stammte aus Mattersdorf und Regine aus Deutschkreutz im Burgenland – beides waren traditionell sehr fromme Gemeinden. In Wien waren die Trebitschs als Nähmaschinenerzeuger tätig, ihre Fabrik war in der Ganglbauergasse im 16. Wiener Gemeindebezirk angesiedelt. Im September 1894 brach dort ein Feuer aus, der Brand konnte zwar in weniger als einer Stunde gelöscht werden, doch die Fabrik war zerstört, ihre darüber befindlichen Wohnräumlichkeiten blieben aber großteils verschont. Aus Dank dafür stifteten sie einen Tora-Vorhang. Die Trebitschs spendeten auch zum Geburtstag ihres Enkels einen Tora-Mantel, aber ohne augenscheinlichen Anlass:


Viele der Textilien sind aus semi-industrieller Herstellung, die ab den 1870er-Jahren immer verbreiteter wurde. Die ikonografischen Elemente konnten wie Versatzstücke gemeinsam mit einer Inschrift ausgewählt werden. Diese Herstellung ermöglichte es auch weniger bemittelten Familien, Textilien zu stiften, und sich somit in das synagogale Gedächtnis einzuschreiben. Gleichzeitig beinhaltet die Sammlung des Jüdischen Museums auch prächtige Textilien, die in Handarbeit oder bei renommierten Goldstickern angefertigt wurden. Diese stammen naturgemäß von wohlhabenden Familien oder Persönlichkeiten, wie zum Beispiel von Hermann Todesco, der zum Anlass der Hochzeit seiner Tochter Anna mit Efraim Porges im Stadttempel 1832 seiner gesamten Familie einen prächtigen Tora-Vorhang widmete.

Ein Beispiel eines Textils aus semi-industrieller Herstellung hingegen ist ein Tora-Mantel mit einer deutschen Inschrift in hebräischen Lettern, die besagt: „Seinen geliebten Eltern zum 33. Hochzeitstage von ihrem Sohne Menne". Da das Objekt sowohl eine eindeutige Namensnennung als auch eine Datumsangabe entbehrt, wird es nie einer Person zuordenbar sein. Als ob es sagen wollte: Ich bin eine liebenswürdige Widmung, deren Zweck nicht darin liegt, aller Welt meine spezifische Zueignung deutlich zu machen, sondern in dieser liebenswürdigen – universalen – Geste zu verharren.

Im Textilbestand des Jüdischen Museum Wiens finden sich eben nicht nur Objekte, deren Geschichten erforscht werden können, sondern auch zahlreiche, deren Geschichten für immer verborgen bleiben werden. Dies liegt einerseits an Widmungen, die wie oben erwähnt, bewusst nicht entschlüsselbar gestaltet wurden, andererseits an verlorenem Wissen aus der Zeit, als die Synagogen im Novemberpogrom 1938 zerstört wurden und der darauffolgenden systematischen Vertreibung und Ermordung der österreichischen Jüdinnen und Juden. Die Ritualobjekte, die verschont geblieben sind, befinden sich heute als Dauerleihgabe der Israelitischen Kultusgemeinde im Jüdischen Museum Wien. Neben ihrer individuellen Geschichte ist ihnen diese brutale Zerstörung eingeschrieben. 
 
Diejenigen Textilien, die an Biografien festzumachende Inschriften tragen, erfüllen auch heute noch – auch wenn sie nicht mehr in der eigentlich angedachten synagogalen Funktion sind – einen Teil ihres ursprünglichen Zweckes: Sie benennen eine geliebte Person und wollen sie dadurch dem Vergessen entreißen. Die Präsentation der Textilien in einer international zugänglichen Online-Datenbank ermöglicht es, dass diese Namen wieder ausgesprochen werden können. Doch auch die Textilien ohne Inschrift werden präsentiert: In ihrer Distanz zu einer spezifischen Geschichte werden sie zu Stellvertretern der vielen nicht erzählten oder nicht mehr erzählbaren Geschichten von Wiener Jüdinnen und Juden.