Nachruf | 07. September 2020

Jutta Jabloner 1920-2020

von Danielle Spera
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Das Jüdische Museum Wien trauert um Jutta Jabloner, die 1920 in Memel in Ostpreußen als Jutta Weinstein geboren wurde und bis zu ihrer Flucht in Berlin gelebt hatte. 1939 war sie mit ihren Eltern, ihrem Bruder und drei Onkeln auf der „Cosima Maru“ nach Shanghai gelangt. Die gelernte Modistin konnte in Shanghai ihren Beruf nicht ausüben, denn „In Shanghai trug kaum jemand Hut“, wie sie sagte, so arbeitete sie als Kellnerin und in anderen Jobs. Die Übersiedlung ins Ghetto und die Schikanen des japanischen Befehlshabers Ghoya setzten ihr zu, wie auch die zahlreichen tropischen Krankheiten und insbesondere Typhus. Sie musste den Verlust ihrer Familie in Deutschland und Litauen verkraften, und auch in Shanghai starben nacheinander ihre Mutter, ihr Bruder und zwei ihrer Onkel. 1946 heiratete sie den aus Wien stammenden Hans Jabloner, der in Shanghai das Restaurant „Fiaker“ führte. Vom ersten Augenblick ihres Kennenlernens war Jutta von der Strahlkraft ihres zukünftigen Mannes beeindruckt, der in Wien als Impresario gearbeitet hatte. Im Fiaker gab es laut Eigenwerbung – „die beste Sachertorte außerhalb von Wien“, sowie eine Cocktailbar. Das Lokal war ein Treffpunkt der Shanghaier High Society. Zu den jüdischen Feiertagen aber luden Hans Jabloner und sein Geschäftspartner Fritz Strehlen Flüchtlingskinder in das „Fiaker“ ein. Hans Jabloner wollte als unverbesserlicher Wiener nach Kriegsende so rasch wie möglich in seine Heimatstadt zurück. Jutta Jabloner, die in der Nachkriegszeit in Wien immer wieder wegen ihrer deutschen Aussprache aufgezogen wurde, gewöhnte sich mit ihrem für sie so charakteristischen Humor die Antwort an: „Nee, ich komm nicht aus dem Deutschen Reich, ich komm aus China.“

Nach ihrer Rückkehr eröffneten die Jabloners das Café „Altes Rathaus“, das zum Treffpunkt für die Shanghailänderinnen und Shanghailänder wurde. 1948 kam ihr Sohn Clemens Jabloner zur Welt, der eine Karriere an der Universität Wien und im Staatsdienst durchlief. Jutta Jabloner schaffte es in den 1960er-Jahren nochmals, ein eigenes Caféhaus im 6. Wiener Gemeindebezirk aufzubauen, das sie bis zu ihrer Pensionierung betrieb. Trotz der schweren Schicksalsschläge blickte Jutta Jabloner auf ihr bewegtes Leben mit Gleichmut zurück, ihre Fröhlichkeit hat sie sich immer erhalten. Ich bin über die vielen schönen Begegnungen mit Jutta Jabloner sehr dankbar. Vor allem auch darüber, dass es uns gelungen ist, sie nach mehr als 70 Jahren mit ihrer Jugendfreundin aus Shanghai, Ingeborg Hungerleider, zusammenzubringen. Jutta Jabloner hat mit ihrer Herzlichkeit die Menschen in ihren Bann gezogen, auch meine Kolleginnen und mich. Wir werden Frau Jabloner sehr vermissen, sie wird aber immer einen Platz in unseren Herzen behalten.