Ganz persönlich | 24. März 2017

Der Besuch des Ehepaares aus London

von Danielle Spera
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Der 6. April 2017 wird sicherlich in die Annalen des Jüdischen Museums Wien eingehen. Besuche aus dem britischen Königshaus stehen nicht auf der Tagesordnung österreichischer Museen. Umso glücklicher waren wir, dass HRH (= His Royal Highness), der Prince of Wales, sich für seinen Besuch in Wien Museen das Jüdische Museum Wien ausgesucht hatte. Als Anfang Februar in den österreichischen Zeitungen zu lesen war, dass die königlichen Hoheiten Prinz Charles und Camilla, Herzogin von Cornwall, auf einen kurzen Besuch nach Wien reisen würden, wäre uns nicht in den Sinn gekommen, dass gerade unsere Institution eines ihrer Ziele sein könnte.

Dieser Entscheidung gingen aufregende Wochen voran. Mitte Februar erreichte mich ein Anruf aus der britischen Botschaft in Wien. Man sei beauftragt, Kultureinrichtungen für den royalen Besuch zu sondieren. Aus diesem Grunde würde eine Abordnung des 'Royal Household' unser Museum gründlich unter die Lupe nehmen. Die überraschende Ankündigung erfolgte mit dem Ersuchen um allerstrengste Geheimhaltung. Die achtköpfige Delegation des Königshauses erschien auf die Minute pünktlich am 28.Februar um 16 Uhr. Da wir uns im Café des Jüdischen Museums Wien trafen, wurden die codes 'male principle' (=Prinz Charles) und 'female principle' (=Herzogin Camilla) verwendet und wurden ab diesem Zeitpunkt für uns zu geflügelten Worten. Bei unserer Führung legten wir großes Augenmerk auf Objekte mit Bezug zu Großbritannien, die sich in unseren Sammlungen auf Grund der Tatsache befinden, dass zehntausende Wiener Jüdinnen und Juden nach der Machtergreifung der Nazis in Großbritannien Zuflucht fanden.

Auch nach diesem ersten Abtasten durch die Abordnung aus London dachten wir nicht daran, dass gerade unser Haus ausgesucht werden könnte. Als wenige Tage später eine Gruppe von Sicherheitsleuten aus dem Königshaus eingeflogen wurde und das Jüdische Museum Wien auf seine Sicherheitslage überprüfte, erschien ein eventueller Besuch des Thronfolgerpaares auch noch außerhalb jeglicher Reichweite. Es folgten unzählige E-Mails mit ebenso vielen Fragen. Nach nochmaliger Inspektion kristallisierte sich etwa drei Wochen vor dem geplanten Besuch heraus, dass wir mit großer Wahrscheinlichkeit ausgewählt würden. Wenig später erreichte uns die Nachricht, dass wir tatsächlich das Rennen gemacht hatten!

Noch immer unter dem Aspekt der strengsten Geheimhaltung bekamen wir die Bitte übermittelt, dass unsere Gäste nicht nur ausgewählte Objekte sehen würden, sondern auch eine Gruppe Holocaust-Überlebender kennenlernen, sowie eines unserer Vermittlungsprogramme mit muslimischen Flüchtlingen aus dem Nahen Osten miterleben wollte. Dies unter dem Siegel der Verschwiegenheit vorzubereiten, stellte eine der großen Herausforderungen dar und führte dazu, dass einer der Holocaust-Überlebenden mich drei Tage vor dem Besuch per SMS fragte, wann er es denn endlich seiner lieben Frau erzählen dürfte.

Mittlerweile hatten wir von „Clarence House“, dem Sitz des Thronfolgerpaares, einen minutiösen Ablauf erhalten, der keinen Millimeter Spielraum enthielt und konnten zwei Tage vor dem Besuch eine Generalprobe abhalten. So sollten unsere beiden VIP-Gäste separat betreut werden: Unser Chefkurator Werner Hanak-Lettner an der Seite der Duchess of Cornwall und ich an der Seite des Prince of Wales.

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Am Tag der Tage wurde unser Haus ab den frühen Morgenstunden von Polizei- und Sicherheitsteams inklusive Sprengstoffhunden durchsucht. Die mitreisende britische Presse baute in unseren Räumlichkeiten kleine Stützpunkte auf. Eine Stunde vor dem Eintreffen unserer hohen Gäste wurde die Dorotheergasse für Autos und Fußgänger gesperrt. Wir waren längst vorbereitet und konnten das 'Drehbuch' bereits in- und auswendig, als das Aviso kam, dass es in einer Minute so weit sei. Wir, Chefkurator Hanak-Lettner, unser kaufmännischer Leiter, Markus Roboch, und ich nahmen Aufstellung und durften wenige Augenblicke später Prinz Charles und die Herzogin von Cornwall tatsächlich im Foyer des Palais Eskeles willkommen heißen.

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Beide erschienen äußerst präsent, informiert und interessiert. Nach einem kurzen Rundgang erfolgte das Treffen mit den Überlebenden. Für die beiden Royal Highnesses waren Sessel mit Pölstern vorgesehen, nur wählte die Duchess of Cornwall prompt einen anderen als den für sie vorgesehenen Stuhl. Eine Kleinigkeit möchte man meinen, doch jede Abweichung vom Protokoll versetzt die royale Entourage in leichte Aufregung. Mit höchster Konzentration auf ihr jeweiliges Gegenüber unterhielten sich beide mit all ihren Gesprächspartnern und wollten von allen ihre Lebensgeschichten erfahren. An jene, die als geflüchtete jüdische Wiener Kinder in Großbritannien bei Pflegefamilien überlebt hatten, richtete Prinz Charles die Frage, wie es ihnen bei den jeweiligen Familien ergangen sei und er berichtete, dass seine eigene Großmutter, Alice von Battenberg (die Mutter von Prinz Philip) selbst jüdische Familien versteckt hatte und dafür auch in Israel als 'Gerechte unter den Völkern' geehrt wurde. 
Besonders angetan hatte es ihm, vom Schicksal Wolvi Kleins zu hören, der als 16-jähriger nach Auschwitz deportiert wurde. Als ich mit Prinz Charles zu Fuß (der Prinz darf aus Sicherheitsgründen nicht mit dem Aufzug fahren) in den 2. Stock ging, sprach er mit großer Ehrfurcht über die Shoah-Überlebenden.

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Nachdem wir einige weitere Objekte und Ereignisse aus der Wiener Jüdischen Geschichte präsentiert hatten, wandte sich unser Gästepaar dem Vermittlungsprogramm für muslimische Jugendliche zu. Unsere Besucher führten hier Gespräche mit der Leiterin unserer Vermittlungsabteilung, Hannah Landsmann, und jedem Einzelnen der aus Afghanistan stammenden jungen Menschen. Auch bei diesem Programmpunkt waren es die Überlebens- und Fluchtgeschichten der Familien, die den Prinzen und seine Gattin interessierten.

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Am Schluss blieb auch noch Zeit für ein wenig Small Talk mit viel Humor, vor allem über die von uns vorbereiteten Geschenke: eine Original-Karikatur von Sigmund Freud aus unserem Kinderbuch „Victoria Blitz“, sowie ein koscherer Gin aus dem Mostviertel. Hier galt das Interesse besonders der biologischen Produktion.

Das Gästebuch unterschrieben die königlichen Hoheiten an einem Tisch, den wir vor kurzem vom Nobelpreisträger Martin Karplus geschenkt bekamen. An diesem Tisch spielte in den 1920er Jahren sein Großvater Johann Paul Karplus mit Sigmund Freud Karten - und jetzt schrieben sich der Prince of Wales und seine Gattin darauf in unser Gästebuch ein.

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Im Weggehen erzählte seine königliche Hoheit, dass er Schirmherr des Jewish Museum London sei und fragte mich, ob unser Budget ausreichend sei. So entließ ich Prinz Charles mit der Nachricht, dass die Stadt Wien unsere Subvention in den vergangenen zwei Jahren gekürzt hat. Mit der Hoffnung auf Besserung verabschiedeten wir uns. Nach der Abfahrt des royalen Paares tranken wir den vorbereiteten English Breakfast Tee und ließen die intensive Stunde nachwirken.

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alle Fotos (c) JMW / Ouriel Morgensztern