Ausstellungsvorbereitungen | 14. August 2016

Wie man eine Ausstellung über Künstlerinnen macht, deren Namen man (noch) nicht kennt

von Andrea Winklbauer und Sabine Fellner
LETTER Stiftung, Köln
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Kunstwerke dem Vergessen zu entreißen und sie wie brandneu einem staunenden Publikum zu präsentieren, gehört zu den größten Freuden einer Kuratorin, eines Kurators. Doch wie findet man die Ölgemälde und die Zeichnungen, die Druckgrafiken und die Skulpturen, die am Ende im Rahmen der fertigen Ausstellung glänzen?
 
Neben viel Glück, das man tendenziell natürlich immer einkalkulieren darf, hilft eine asymmetrische Kombination aus systematischem und mäanderndem Vorgehen. Zunächst ist es wichtig, die vorhandene Literatur zu studieren. Gibt es schon Überblickswerke über die Epoche, den geografischen Raum, die besondere Thematik? Im Fall der kommenden Ausstellung Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938 war das 1994 erschienene Standardwerk Künstlerinnen in Österreich 1897–1938. Malerei – Plastik – Architektur von Sabine Plakolm-Forsthuber besonders hilfreich. Es enthält neben einem ausführlichen Abriss über die Kunst auch einen wichtigen biografischen Teil. Auch andere Literatur, darunter Ausstellungskataloge, enthielt spannendes Material über österreichische Künstlerinnen.
 
Doch kein Buch und keine Ausstellung haben sich bisher mit österreichischen Künstlerinnen jüdischer Herkunft befasst. Das wäre aber nötig, denn wenn schon Künstlerinnen generell viel schlechter aufgearbeitet sind als ihre männlichen Kollegen, so sind die jüdischen Künstlerinnen – konträr zu ihrer Rolle in ihrer Zeit – aufgrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten geradezu verschollen. Dazu werden wir nun das erste Werk abliefern, und wir vermuten bereits jetzt: Es wird ebenfalls ein Standardwerk. 
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Lene Schneider-Kainer, Potsdamer Platz, Berlin, 1913, Öl auf Leinwand; Privatsammlung
 
Es gibt Künstlerinnen der Zeit vom späten 19. Jahrhundert bis 1938, von denen bekannt ist, dass sie Jüdinnen waren, wie die Malerinnen Tina Blau, Broncia Koller-Pinell und Marie-Louise von Motesiczky. Diese Künstlerinnen hatten zu Lebzeiten ihren Bekanntheitsgrad und sind auch heute (in unterschiedlichem Ausmaß) noch bekannte Größen. Doch von den meisten jüdischen Künstlerinnen, die zwischen 1900 und 1938 in Wien gelebt und gearbeitet haben und zu ihrer Zeit genauso bekannt waren, weiß man heute wenig bis nichts.
 
Diese Frauen aus einer Liste mit vielen Künstlerinnennamen herauszufinden und ihnen repräsentative Werke zuzuordnen, war die Arbeit von uns als Kuratorinnen dieser Ausstellung. Zunächst gingen wir von einer (weitgehend) gesicherten und noch eher kurzen Liste jüdischer Künstlerinnen aus, mit der wir in Museen, bei PrivatsammlerInnen und KunsthändlerInnen anklopften. Im Gespräch stellte sich dann oft heraus, dass unser jeweiliges Gegenüber von der einen oder anderen Künstlerin, die wir für wichtig hielten, noch nie etwas gehört hatte. Im Gegenzug wurden aber auch uns öfters Namen von Künstlerinnen genannt, die uns neu waren, die sich aber bei weiteren Recherchen als wichtig erwiesen. Das zeigte uns noch deutlicher, wie wenig Wissen um die jüdischen Künstlerinnen überliefert war. Niemand besaß zu diesem Thema einen wirklichen Überblick. Die Bruchstücke zusammenzusetzen, das war unser Part.
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Marianne Saxl-Deutsch, Landschaft, um 1908, Farbholzschnitt auf Japanseide; Privatsammlung
 
Am aufregendsten waren die Momente, in denen für uns die oftmals lange verborgen gebliebenen Schätze ausgepackt wurden. Es ist schwer, die Freude zu beschreiben, wenn man von einer verschollenen Künstlerin, von der man höchstens einen Namen kannte, erstmals ein Werk von außerordentlicher Qualität vor sich sieht und ihre Kreativität und Individualität erkennt. Diese Freude zu erleben, möchten wir mit unserer Ausstellung gerne auch vielen anderen ermöglichen. Wir hoffen, es ist uns gelungen.
 
 
 
Die Ausstellung Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938, kuratiert von Andrea Winklbauer und Sabine Fellner, wird ab 4. November im Museum Dorotheergasse – Palais Eskeles gezeigt.
 
Titelbild: Grete Hamerschlag, Fabrik der Illusionen (aus dem Zyklus Der Spiegel, Nr. 2), 1932, Holzschnitt; LETTER Stiftung, Köln