Provenienzforschung

Geschichte und Agenda

 

Das Jüdische Museum Wien ersucht Sie um ihre aktive Mithilfe bei der Provenienzforschung. Jeder Hinweis, der der laufenden Provenienzforschung am Jüdischen Museum zuträglich ist, ist herzlich willkommen!
 
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1. Das Jüdische Museum Wien verfügt über sehr heterogene Sammlungsbestände:
 
  •  Die Sammlung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (Slg. IKG) als Dauerleihgabe
  • Die Städtischen Sammlungen: Sammlung Berger, Sammlung Schlaff und Sammlung Stern
  • Die Sammlung JMW mit den Neuerwerbungen und Schenkungen seit 1992
  • Das sog. Legat Berger. Es wurde dem Jüdischen Museum 2010 überantwortet und beinhaltet ca. 2.800 Objekte und Objektkonvolute.

Alle Sammlungsteile des Museums sind Gegenstand der Provenienzforschung. Die Forschungsergebnisse zur Sammlung IKG werden an die Israelitische Kultusgemeinde Wien weitergeleitet, die dann den Kontakt mit eventuell vorhandenen Erben aufnimmt und über die Rückgabe per Vorstandsbeschluss entscheidet. Die Forschungsergebnisse zu allen anderen Sammlungsteilen werden der Wiener Restitutionskommission vorgelegt, deren Grundlage der Wiener Gemeinderatsbeschluss vom 29. April 1999 ist.  
 
2. Das Jüdische Museum der Stadt Wien ist - verglichen mit anderen österreichischen Museen - ein junges Museum. Die Gesellschaft wurde 1988 gegründet und erhielt mit dem Palais Eskeles 1993 einen fixen Standort mit einem eigenen Depot. In den ersten zehn Jahren stand die Erforschung der Dauerleihgabe der Israelitischen Kultusgemeinde im Vordergrund. Diese Sammlung setzt sich vor allem aus den geretteten Ritualgegenständen aus Wiener und österreichischen Synagogen zusammen, sowie dem Altbestand des ersten Wiener Jüdischen Museums, das 1895 gegründet worden war und 1938 von der Gestapo aufgelöst wurde. Mehr zu dieser geraubten und teilweise restituierten Sammlung hier.
 
Während andere österreichische Museen, die zwischen 1938 und 1945 existierten, ihre Bestände in dieser Zeitspanne mit bedenklichen Ankäufen bzw. geraubten Objekten aufstockten, musste das Jüdische Museum Wien nach seinem Einzug in das Palais Eskeles im Jahr 1993 zuerst einmal die Bestände und Fehlbestände seines Vorgängermuseums sichten, sowie die Geschichte(n) hinter den Objekten der anderen Sammlungen, die in den meisten Fällen sowohl vom Leben vor der Schoa bzw. von der Schoa selbst erzählen, erforschen.
 
3. Die Agenda in der Provenienzforschung ist gemäß der Komplexität der Sammlungen breit gestreut. Grundlage ist das 2008 unter der Leitung der früheren Chefkuratorin des JMW, Felicitas Heimann-Jelinek, durchgeführte Screening nach bedenklichen Objekten, deren Provenienzkette nicht einwandfrei nachzuvollziehen ist und die entweder selbst Hinweise auf mögliche private oder institutionelle Vorbesitzer geben (und deren Rechtsnachfolgerin die IKG Wien nicht ist), oder für die es in der Literatur und in sonstigen Quellen (z.B. Bestandslisten) Hinweise auf eine bedenkliche Herkunft gibt. 2009 folgte zudem ein Screening der Bücher in der Bibliothek des Jüdischen Museums Wien, in der sich ebenfalls Bestände der IKG und der Stadt Wien befinden. Da es sich bei einem Großteil der Objekte um Judaica, d.h. jüdische Ritualgegenstände im engeren Sinn handelt, im weiteren Sinn auch um Archivalien und Bücher (letztere zumeist von geringem materiellen Wert) und nur zu einem geringeren Teil um Gemälde bzw. Kunstgegenstände im klassischen Sinn, ist die Quellenlage hinsichtlich der Literatur und Bestands- bzw. Entzugslisten oftmals wesentlich schlechter als bei der  Provenienzforschung an Kunstgegenständen. Der Grund mutet so banal wie zynisch an: Sowohl die Nazis als auch die Alliierten waren an Kunstwerken interessiert, an Judaica aber in wesentlich geringerem Maße (vgl. z.B. Neglected Witnesses. The Fate of Jewish Ceremonial Objects During the Second World War and After, ed. by Julie-Marthe Cohen, Felicitas Heimann-Jelinek, Amsterdam 2011, S.19).
 
4. Das Ergebnis des Screenings gibt vor, 270 Objekte aus der Sammlung IKG und 220 Objekte aus den städtischen Sammlungen (Berger, Stern, Schlaff) genauer zu beforschen, wobei sich im Zuge der Recherche an den Sammlungen herausstellen kann, dass noch weitere Objekte zu beforschen sind. Außerdem wurden in der Bibliothek des Jüdischen Museums in 949 Bänden des IKG-Bestands Hinweise auf Vorbesitzer, deren Rechtnachfolgerin die IKG Wien nicht ist, und in 34 Bänden des Stadt-Wien-Bestands gefunden. Die Zahl in den IKG-Beständen kommt dadurch zustande, dass die IKG Wien zwar ihrer eigenen wertvollen Bibliothek aus der Vorkriegszeit vollkommen beraubt wurde und aus dieser weniger als fünf Prozent zurückerhielt, jedoch Bücher u.a. aus so genannten „herrenlosen“ Beständen überantwortet bekam. (vgl. Ingo Zechner: Die Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Entstehung – Entziehung – Restitution und so genannte „herrenlose“ Bücher. In: Murray G. Hall, Christina Köstner, Margot Werner (Hrsg.): Geraubte Bücher. Die Österreichische Nationalbibliothek stellt sich ihrer NS-Vergangenheit. Wien: Österreichische Nationalbibliothek 2004)
 
5. Da die Republik Österreich die Provenienzforschung an den Österreichischen Bundesmuseen durch Sonderbudgets finanzierte, erwartete sich das Jüdische Museum Wien in den Jahren 2008/2009, dass auch die Stadt Wien die Provenienzforschung durch ein Sonderbudget unterstützen würde. Dies geschah nicht, zusätzlich war dem JMW 2007 die Valorisierung, d.h. die automatische Erhöhung des Budgets, um die steigenden Kosten zu decken, gestrichen worden. Das Museum reichte daraufhin im Jahr 2009 ein Provenienzforschungsprojekt bei „forMuse“ ein, um die Provenienzforschung voranzutreiben. Dieses wurde jedoch nicht genehmigt.
 
Bedingt durch die enge Budgetsituation konnte daher 2009/2010 die Provenienzforschung nur auf einer Basis von 10 Wochenstunden begonnen werden. Dabei wurden von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des JMW, Mag. Wiebke Krohn, zehn Gemälde aus der Sammlung Berger und vierzehn Gemälde aus der Slg. IKG beforscht, die Hinweise auf die Herkunft aus der sogenannten „Masse Adria“ trugen. Die „Masse Adria“ ist ein Bestand vom Hafen Triest, der sich aus dem Eigentum von vertriebenen bzw. deportierten Juden zusammensetzte (siehe Aufsatz dazu von Wiebke Krohn, Reste der Masse Adria im Jüdischen Museum Wien, in: Eva Blimlinger u. Monika Mayer (Hg.), Kunst sammeln, Kunst handeln. Beiträge des Internationalen Symposiums in Wien (= Schriftenreihe der Kommission für Provenienzforschung, Bd. 3), Wien – Köln – Weimar 2012, p. 289-301). Die Ergebnisse wurden der IKG und der Stadt Wien Ende März 2011 übergeben. Während unter den vierzehn Bildern der Slg. IKG sich bei vier Bildern eine Erbensuche als aussichtsreich herausstellte, konnte bei den Bildern der Sammlung Berger kein Hinweis auf einen Vorbesitzer respektive Erben ausgemacht werden. Hinsichtlich der vier Bilder aus der Sammlung IKG liegt die Entscheidung beim Vorstand der IKG.
 
6. Im Zeitraum der notwendig gewordenen technischen Renovierung des Palais Eskeles in der Dorotheergasse von Jänner bis Oktober 2011 waren die Sammlungen des JMW ausgelagert und in Außendepots aufbewahrt. Daher war in dieser Zeit keine Provenienzforschung möglich. Nach der Rückräumung der Sammlungen in das Museum wurde mit der Stadt Wien erneut über eine Finanzierung der Provenienzforschung verhandelt mit dem Ergebnis, dass das Museum die Kosten für die Provenienzforschung aus dem laufenden Budget zahlen muss. Von Dezember 2011 bis Dezember 2015 war Mag. Alexandra Chava Seymann für die Provenienzforschung am Museum zuständig. Nach einer Ende 2015 durch die Stadt Wien verkündeten Subventionskürzung ist seit dem Jahr 2016 nur noch eine projektbezogene Provenienzforschung möglich.
 
7. Das für das Jüdisches Museum Wien zuständige Entscheidungsgremium ist die Wiener Restitutionskommission. Diese bestätigte am 15. März 2012 ihre Zuständigkeit für die städtischen Sammlungen. Im Sommer 2012 hatte das JMW gemeinsam mit der Restitutionsabteilung der IKG einen Leitfaden für die Vorgangsweise und die Arbeitsteilung der Beforschung der Slg. IKG im Jüdischen Museum erarbeitet. Der Leitfaden wurde im September 2012 vom Aufsichtsrat des JMW, zu dem auch Mitglieder der IKG Wien gehören, gebilligt. Der Leitfaden sieht vor, dass die Erforschung der Objekte der Slg. IKG vom Jüdischen Museum Wien mit Unterstützung der Restitutionsabteilung der IKG erledigt wird. Die Kontaktaufnahme mit eventuellen Erben erfolgt ausschließlich durch die IKG.